Auktionshaus

Auktion: Gemälde des 19. Jahrhunderts

28. November 2013, 18:00 Uhr

0144

Franz von Defregger

(Ederhof zu Stronach b. Dölsach/Tirol 1835 - 1921 München)

„Moarhäusl bei Dölsach (Lienz)“
1873
Öl auf Leinwand
59 × 77,5 cm
Signiert und datiert rechts unten: 14. Aug (18)73 / Defregger

Provenienz

Ketterer, München, 355. Kunstauktion, 19.6.2009, Nr. 332; Privatbesitz, Österreich

Literatur

vgl. Hans Peter Defregger, Defregger 1835-1921, Rosenheim 1983, S. 286

€ 25.000 - 50.000

Zu den bevorzugten Themen im Oeuvre Franz von Defreggers gehören Genreszenen aus dem bäuerlichen Alltag seiner Heimat Tirol. Selbst von einem Tiroler Hof stammend, kehrte Defregger damit als beruflich wie gesellschaftlich erfolgreicher Münchner Maler des Historismus gedanklich immer wieder zu seinen Wurzeln zurück.

Während seines Aufenthaltes in der Villa Moser in Bozen, wo Franz von Defregger wegen der guten klimatischen Bedingungen zwischen 1872 und 1873 Zuflucht und Heilung suchte, entstanden zahlreiche Bilder mit Szenen des bäuerlichen Lebens nach Skizzen, die er von seiner Osttirolreise der Jahre 1865-57 aufbewahrt hatte. Zu den Bozener Arbeiten zählt auch das vorliegende Bild.

Hier wird das ruhige Zusammentreffen zweier Frauen vor einem monumental wirkenden Bauernhaus geschildert, eine Begebenheit, die gerade durch ihre Einfachheit berührt. Das die Szene rahmende Gebäude ist realistisch wiedergegeben, doch sind pittoreske Elemente, wie das wuchernde Grün und die losen Holzplanken mit größerer Aufmerksamkeit behandelt wie etwa die Gesichter der Frauen. Wie im Vorübergehen zufällig wahrgenommen, bleibt dem Betrachter die Geschichte der Frauen verborgen. Selbst ob sie miteinander sprechen oder einen Augenblick der Stille verbringen, lässt sich nicht feststellen. Auch die Katze zu ihren Füßen scheint sich nicht zu regen. Gerade aus dieser Distanziertheit gelingt dem Betrachter ein Erfassen der künstlerischen Absicht Defreggers, die in einer Mischung aus wohl inszenierter Flüchtigkeit und der Intensität einer zeitlosen Stimmung liegt. Das Spinnen von Wolle als konzentrierte Tätigkeit, die unspektakuläre Echtheit ausstrahlt, trägt zur Beschaulichkeit der Szenerie bei und das gleichmäßige Schnurren des Spinnrades bleibt das einzig vorstellbare Geräusch. Durch das warme, erdhafte Kolorit untermalt Defregger den intimen Charakter und die Natürlichkeit des Gesehenen. Sein locker gesetzter Pinselstrich, der unübersehbar den Einfluss der Paris-Reise von 1863 und den Kontakt mit den Vertretern der Schule von Barbizon enthüllt, verstärkt die Überzeugungskraft seiner Schilderung. (Claudia Lehner-Jobst)