Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

17. Dezember 2020, 14:00 Uhr

1302

Egon Schiele

(1890, Tulln - 1918, Wien)

„Nach vorne gebeugter Akt“
1917
schwarze Kreide auf Papier
38,7 x 28,5 cm
Signiert und datiert rechts unten: Egon / Schiele / 1917
Nachlass-Stempel verso

Provenienz

aus dem Nachlass des Künstlers;
seit den 1920er Jahren durch Erbfolge in österreichischem Privatbesitz

Das gegenständliche Blatt wurde von Jane Kallir im Original begutachtet, die bestätigt, dass ihrer Meinung nach sowohl die Zeichnung als auch die Signatur und die Datierung von der Hand Egon Schieles stammen. Die Zeichnung wird mit der Nummer D. 2057b in die in Vorbereitung befindliche digitale Ergänzung ihres Werkverzeichnisses "Egon Schiele: The Complete Works Online" aufgenommen.
Ein Fotozertifikat von Jane Kallir liegt bei.

€ 140.000

Die Zeichnung des nach vorne gebeugten Aktes stammt aus einer der künstlerisch produktivsten Phasen Egon Schieles. War er in den Jahren 1915 und 1916 durch den Militärdienst beansprucht, erlebte Schiele 1917 einen wahren Schaffensdrang, durch den eine große Anzahl von erotischen Frauendarstellungen entstand.

Herausgelöst aus jeglichem Zusammenhang, isoliert Schiele den nackten weiblichen Körper und setzt die Figur in die leere Bildfläche. Sein Interesse gilt der ungewöhnlichen Perspektive und dem besonderen Blickwinkel. Er sucht nach raffinierten Stellungen des Körpers, die er mit sicherem Strich graphisch festhält. Der Blick des Betrachters fällt von leicht oben auf den Rücken der nackten Frau, die sich in einer komplizierten Bewegung nach vorne beugt, auf dem linken Bein stehend, das rechte angewinkelt, während sie sich auf ihren ausgestreckten linken Arm stützt. Das Gesicht ist vom Betrachter abgewandt und bleibt verdeckt. Schieles künstlerische Herausforderung liegt in der komplexen, gekrümmten Haltung des Mädchens, dessen Körper entlang einer Vertikalen streng konstruktiv in das Hochformat des Blattes eingespannt ist. Ohne Andeutung eines Umfeldes, allein mit der ausgeklügelten Körperhaltung, die in sich unterschiedliche Ausrichtungen von Beinen, Arm und Kopf vereint, gelingt es Schiele, Raum zu schaffen und die Figur spannungsreich in der Komposition zu verankern.
(Claudia Mörth-Gasser)