Auktionshaus

Auktion: Gemälde des 19. Jahrhunderts

28. November 2013, 18:00 Uhr

0118

Friedrich von Amerling

(Wien 1803 - 1887 Wien)

„Mädchen mit Strohhut“
um 1835
Öl auf Leinwand
58,5 × 46 cm

Provenienz

Graf Joseph Pálffy, Schloß Smolenice, Slowakei; europäischer Privatbesitz

Literatur

Günther Probszt, Friedrich von Amerling, Wien 1927, S. 121, Nr. 335a

€ 100.000

Von vorliegendem Gemälde existieren mehrere Fassungen. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, aber alle weisen auch denselben Bildträger, Leinwand, und annähernd gleiche Maße, 58 x 46 cm auf. Alle drei werden auch um 1835 datiert. Die wohl bekannteste Version besitzen heute die Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein, nachdem sie als Restitutionsobjekt im Oktober 2008 von diesen erworben werden konnte; eine weitere, der Öffentlichkeit zugängliche Replik befindet sich in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München. Das nun zu versteigernde dritte Beispiel dieses Motivs ist im ersten Werkverzeichnis von Günther Probszt aus dem Jahre 1927 unter der Nummer 335a gelistet. Es befand sich damals im Besitz von Josef Graf Pálffy in dessen Schloss Smolenitz/Smolenice am Fuße der Kleinen Karpaten in der heutigen Slowakei.

Amerling gelingt in diesem Porträt, mehr durch das Weglassen als durch die Darstellung selbst, die Konzentration auf das Wesentliche zu erreichen. Das Gesicht des Mädchens wendet sich in dem knappen Bildausschnitt nicht direkt dem Betrachter zu, sondern ist im Profil dargestellt, den Kopf auf den rechten Arm abgestützt. Nicht der direkte Blickkontakt mit dem Betrachter ist gesucht, wodurch eine ganz eigene, fast melancholische Stimmung evoziert wird. Beides sind Stilmittel, die Amerling in seinen Porträts - auch bei einigen seiner Selbstporträts - immer wieder anwendet, um dem plumpen, direkten Blick in ein Gesicht zu entgehen und solchen Porträts dann bei aller Präsenz eine fast träumerische, nachdenkliche, in unendliche Ferne entrückte Note zu verleihen. Das vorliegende, um 1835 zu datierende Bild zeigt Amerling auf dem Gipfel seiner Porträtkunst, mit der er die an der Wiener Akademie noch immer viel höher geschätzte Historienmalerei zugunsten der sensitiven Wiedergabe realer Porträts endgültig zurücklässt.

Vergleicht man das vorliegende Gemälde mit der Wiener Fassung und der Münchner Version, fallen kleine Unterschiede auf. Das Inkarnat ist pastoser und plakativer gemalt. Die Haarlocke, die sich hinter der vorderen der beiden grünen Schleifen verbirgt, entspricht genau der Münchner Fassung, während sie bei der Wiener viel reicher, opulenter ausgefallen ist, wo sie über den ganzen Hals bis an den Rand der Brust hinabfällt. So ist dieses Bild wie viele andere Beispiele aus dem Oeuvre Amerlings - an erster Stelle sind hier vor allem seine vielen Selbstporträts oder die Porträts der Elise Kreuzberger zu nennen - ein Beispiel dafür, wie sich der Künstler mit einem Gesicht immer wieder auseinandersetzte, fast so, als wollte er bewusst unterschiedliche Aspekte seiner Sichtweise oder seines malerischen Könnens ins Spiel bringen.
(Auszug aus dem Beitrag "Zauber der Wiederholung. Friedrich von Amerlings Mädchen mit Strohhut" von Johann Kräftner für das Journal im Kinsky, Nr. 2, Juni 2013)