Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

26. November 2013, 17:00 Uhr

0512

Lovis Corinth

(Tapiau 1858 - 1925 Zandvoort)

„Walchenseelandschaft (Gewitterwolken)“
1923
Aquarell auf Papier
31,2 × 50,2 cm
Signiert und datiert links unten: Lovis Corinth / Juli 1923

Provenienz

Thomas Corinth (Sohn des Künstlers); Galerie Wolfgang Ketterer, 8. Auktion, 28. 11. 1972, lot 195; Eve Wolff von Amerongen, Österreich; Privatbesitz, Österreich

Beiliegend ein Brief von Thomas Corinth, vom 20. Januar 1973, an Herrn Ketterer sowie ein Brief von Thomas Corinth, vom 12. März 1973, an die Vorbesitzerin des Werkes.

€ 70.000 - 140.000

"Sehr geehrter Herr Ketterer, (…) in Ihrer 8. Auktion #195 Walchenseelandschaft, Aquarell, Juli 1923, der Titel, welchen Lovis Corinth dieser Arbeit gab, war 'Gewitterwolken'. Ich hatte das Bild jahrelang in New York hängen, und bei Betrachtung des Werkes kann man die Gewitter-Stimmung fühlen. Der kunsthistorische Titel dieses herrlichen Werkes sollte erhalten bleiben …" (Auszug eines Briefes von Thomas Corinth an Herrn Ketterer, vom 20. Januar 1973)

"... mein Vater sagte zu einem Käufer eines Aquarells gelegentlich: 'Sie werden immer daran ihre Freude haben.' Ihr 'Walchensee' ist von besonders künstlerischer Bedeutung. Die Landschaft wurde innerhalb der Terasse unseres Urfelder Hauses in Richtung auf den Jochberg gemalt. Das Häuschen rechts hinten am See war die Bade-Anstalt…" (Auszug eines Briefes von Thomas Corinth an die Vorbesitzerin des Aquarells, vom 12. März 1973)

Im Werkblock der Walchensee-Bilder, insbesondere in den Aquarellen, findet der künstlerische Anspruch Lovis Corinths seine größte Verwirklichung. In seinen Aquarellen gelangt Corinth mehr noch als in den Ölbildern zu einer Loslösung vom Motiv hin zur reinen Malerei, in der die landschaftliche Vorlage nicht mehr ist als die Basis, die Folie, auf der die Malerei geschieht. Es geht dem Künstler nicht um die topografische Wiedergabe eines Orts, sondern um das Einfangen der momentanen Erscheinung, die gewissen Phänomenen unterliegt. Hier sind es der unter Gewitterwolken daliegende Walchensee, dessen Oberfläche dramatisch das Geschehen spiegelt und die im Zwielicht eines herannahenden Sturms versinkende Landschaft, die faszinieren. Die eigenartige Klarheit der Luft kontrastiert mit der Schwere der sich wiegenden Bäume. Die virtuos hingeworfenen Farben, der starke Helldunkelkontrast, das wilde Ineinanderspielen der verlaufenden Flächen auf dem beinahe grell durchscheinenden Papier rufen die Besonderheit des Augenblicks wach.
Gerade in seinen Landschaftsbildern offenbart Lovis Corinth die Vielfalt seiner Inspirationen und sein Geschick, verschiedenste Anregungen zu einem homogenen Ganzen zu verschmelzen. Während seine Motive der romantischen, naturalistischen Tradition des 19. Jahrhunderts entsprechen, ist seine Sehweise der späten Auseinandersetzung mit den französischen Impressionisten geschuldet. Wie Monet oder Cézanne wird das oftmals selbe Motiv in atmosphärischer Veränderung geschildert, wobei das Objekt völlig hinter die Phänomene von Licht und Farbe zurücktritt. Corinths Aquarelle spannen den Bogen aber weiter bis zum deutschen Expressionismus der Art Emil Noldes oder Oskar Kokoschkas, indem seine Landschaften nicht nur Wiedergabe optischer Phänomene, sondern des Empfindens und der Stimmungen des Künstlers sind.
Die Walchensee-Bilder entstanden in den Jahren zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und dem Tod des Künstlers 1925. In Urfeld am Walchensee besaß die Familie Corinth ein Anwesen, wo sie ihren jährlichen Urlaub verbrachte. Corinths Walchensee-Aquarelle, die zusätzlich zu den Ölgemälden entstanden, sind nicht nur in der Landschaftsmalerei, sondern auch in der Arbeit mit dem Medium Aquarell als Höhepunkt der deutschen Malerei der Zeit anzusehen. (Nina Binder)