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Auktion: Antiquitäten

27. November 2013, 17:00 Uhr

0225

Byzantinischer Steigbügelring

„Byzantinischer Steigbügelring“
Byzanz, Mitte 11. Jahrhundert
Gold, polychromes Cloisonné, Jadeit (ergänzt); hohlgeschmiedeter, steigbügelförmiger Ring, überhöhtes, dreieckiges Kopfteil mit ovalem, halbrund geschliffenem weißlich-grünen Jadeit, glatte Einfassung (Stein und Einfassung später); an den Außenflächen rundum kleinteilig mit geometrischen und rankenförmigen Ornamenten in der Technik des Zellenschmelzes mit Blau, Grün, Rot und Gelb gefüllt, betonte Kanten durch blaue, an den Rändern getreppte Ornamente mit roten Tupfen; altersbedingte Beschädigungen
H. 3,5 cm; B. 2,7 cm; Dm. Innen 1,9 × 2 cm; Bruttogewicht 12 g

Provenienz

2007 im Handel erworben; seither Wiener Privatsammlung

Literatur

Vergleiche: Ring aus dem Mainzer Schatz, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Kunstgewerbemuseum, Inv.-Nr. Lg. 124,4, siehe dazu: Mechthild Schulze-Dörrlamm, Der Mainzer Schatz der Kaiserin Agnes. Neue Untersuchungen zum sogenannten "Gisela-Schmuck", Sigmaringen 1992, S. 131, Kat.-Nr. 21, Abb. 72; byzantinischer Emailanhänger aus dem Metropolitan Museum of Art, New York, Inv.-Nr. 1990.235a, siehe dazu: William D. Wixom (Hg.), Mirror of the Medieval World. The Metropolitan Museum of Art, New York 1999, Nr. 103 und 104; Antje Bosselmann-Ruickbie, Byzantinischer Schmuck des 9. bis frühen 13. Jahrhunderts. Untersuchungen zum metallenen dekorativen Körperschmuck der mittelbyzantinischen Zeit anhand datierter Funde, Wiesbaden 2011, S. 108, Abb. 128a

€ 150.000

Wie die Gegenüberstellung mit ähnlichen Schmuckstücken aus verschiedenen Museen deutlich vor Augen führt, wurde der Ring wohl Mitte des 11. Jahrhunderts von einem byzantinischen Goldschmied gefertigt. Der bedeutendste deutsche Schatzfund dieser Zeit ist der Mainzer Schatz der Kaiserin Agnes. Er wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei Bauarbeiten in einem Keller eines Mainzer Hauses entdeckt. Der Großteil der Schmuckstücke (es handelt sich dabei in der Hauptsache um Ohrringe, Fibeln und Ringe) datiert in die Regierungszeit Heinrichs III. (1039-1056) aus dem Geschlecht der Salier, die im 11. und 12. Jahrhundert die römisch-deutschen Kaiser hervorbrachten. Da sich vergleichbare Pretiosen nur sehr vermögende Personen von Rang und Namen leisten konnten, wird angenommen, dass die meisten der Mainzer Schmuckstücke der Kaisergemahlin Agnes von Poitou gehört haben. Ein emaillierter Steigbügelring (Inv.-Nr. Lg. 124,4) jedoch – und hier wird es in Bezug auf die Datierung unseres Ringes interessant – hat die Kollektion wohl erst unter Heinrich IV. (1056-1105) und Bertha ergänzt. Der Ring des Mainzer Schatzes zeigt ähnliche, wenn auch in der Ausführung nicht gar so feine und scharf umrissene, teils herzförmig verlaufende Ranken. Beide steigbügelförmigen Ringe haben in etwa dieselbe Größe und wurden daher entweder von einem Mann oder an einem weiblichen Daumen getragen.
Die Bezeichnung „Steigbügelring“ bezieht sich – wie schon der Name verrät – auf die Form eines Steigbügels, der sich durch den dreieckigen Kopf und die Schiene ergibt. Er ist meistens mit einem Stein besetzt und zählte vor allem im 12. Jahrhundert zu einer der beliebtesten Ringformen. Vorbilder für byzantinische Steigbügelringe mit Emaildekor sind in den fatimidischen Fingerringen aus Syrien oder Ägypten zu finden, die anstatt des flächigen Emails plastische Filigranarbeit tragen.

Doch der Mainzer Ring bietet nicht die einzigen Indizien für die Herkunft und das Alter unseres Ringes. Noch überzeugender ist der Vergleich mit zwei Juwelen aus dem Metropolitan Museum in New York. Dort werden ein Ohrschmuck und die Spitze eines Zeigestabes (Inv.-Nr. 1990.235a und 1997.235) verwahrt, deren emaillierte Ornamentik und die Wahl der Farben verblüffende Ähnlichkeit mit unserem Ring aufweisen. Die direkte Gegenüberstellung von Ring und Ohrgehänge erweckt fast den Eindruck, als gehörten die beiden Schmuckstücke ursprünglich zu einem Ensemble. In beiden finden sich die sehr dekorativen, herzförmigen Ornamentranken, die in ihrer roten Ausführung aus dem blauen-goldenem Rankenwerk hervorstechen. Der rote, flächig gestaltete Kreuzdekor sowie die einfache, geometrische Randbordüre wirken bei beiden wie ein beruhigender Ausgleich zur sehr lebhaften Rankenornamentik.

Ob an den Kleinodien aus New York dieselbe byzantinische Werkstatt gearbeitet hat oder diese sogar für ein und denselben Auftraggeber gefertigt wurden, bleibt derzeit leider noch im Bereich des Spekulativen.
(Roswitha Holly, Auszug aus dem Beitrag "Ein Ring für eine Kaiserin - ein neuentdecktes Kleinod aus byzantinischer Zeit", Journal im Kinsky, Nr. 3, Dezember 2013)