Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

08. Oktober 2013, 17:00 Uhr

0061

Ernst Fuchs*

(Wien 1930 - 2015 Wien)

„Die Passion des Einhorns - Zyklus von 7 Radierungen“
1950-52
Radierung auf Kupfer

€ 7.000

Die Passion des Einhorns
Zyklus von 7 Radierungen
1950-52

"Mit Hilfe einer zerbrochenen Lupe aus dem neunzehnten Jahrhundert habe ich die Einhorn-Radierungen gestochen..." (Ernst Fuchs)

1. Im Totenreich
Radierung auf Kupfer, Wien, 1950
21,2 x 9,6 cm
Auflage 26/40
Signiert rechts mittig: Ernst Fuchs
WV Weis Nr.36/c

Es war während der Arbeit an der Platte „Im Totenreich“, da meinte ich deutlich, das junge Einhorn zu sehen, ehe sein Horn aus der Stirne hervorbricht. Das Tier, dem ich das kommende Horn aus der Stirne las, war noch zart, es äste im Totenreich, umgeben von Qual und Verwesung. So sah ich aus „auf der anderen Seite“.

2. Der Künstler und das Einhorn
Radierung auf Kupfer, Wien, 1951
8,2 x 6,2 cm
Auflage 7/60
Signiert und datiert: Ernst Fuchs, 1950
2.Zustand (1956)
WV Weis Nr.38/II b

Die Platte „Der Künstler und das Einhorn“ zeigt, wie das Tier mit seinem Horn dem Künstler in die Schläfe dringt, während er, dessen Hand einen Griffel hält, über die Platte fährt. Das Einhorn wurde mein Tier. Ich war das Einhorn, es war das Einhorn in mir. Das Einhorn war Es, der Geist, der mich trieb.

3. Die Zeugung des Einhorns
(Die Hochzeit von Sonne und Mond)
Radierung auf Kupfer, Wien, Paris, St.Tropez, 1951
29,7 x 14,7 cm
Auflage 14/24
Signiert, datiert und bezeichnet rechts unten: Ernst Fuchs, 1951, Die Hochzeit von Sonne und Mond
1.Zustand (1956)
WV Weis Nr.39/I

Herrliche Kräfte haben es gezeugt: Feuer und Wasser, Sonne und Mond. Jung und frisch wie ein Lamm oder Fohlen liegt es unten vor dem Kelch, in dem die Gegensätze sich vereinigend es zeugten. Dahinter aber liegt es, schon älter, aus seiner Dornenkrone schwelt Rauch, sein Leib ist wundbedeckt, durchbohrt von den Pfeilen seiner Jäger. Es dürstet.

4. Die Taufe des Einhorns
Radierung auf Messing, Venedig, 1951
9,5 x 6,4 cm
Auflage 19/25
Signiert unten mittig: Ernst Fuchs
2.Zustand (1956)
WV Weis Nr.40/II b

Es ist mir ganz unmöglich, in Kürze klar den Zustand meiner Seele zu beschreiben. Meine Erinnerung verweigert mir deshalb vieles, das ich hier berichten sollte. Nur aus den Gesten, aus dem Gesicht des Einhorns kann ich lesen, was damals in mir vorgegangen ist. Wie konnte ich nur so besessen sein von dem lachenden Weib, das mich nicht liebte, und „meine liebe Mia“ verlassen? Und doch war es so und mußte so sein. Stieß in der „Taufe des Einhorns“ das Tier nicht dem Täufer das Horn in die Seite? Litt er es nicht?

5. Die Versuchung des Einhorns
Radierung auf Kupfer, Paris, 1951/52
26,9 x 19,2 cm
Auflage 11/25
Signiert rechts unten: Ernst Fuchs
1.Zustand
WV Weis Nr.41/I

Das Einhorn gewann große Macht über mich, und ich sah es in seiner ersten Gestalt, seiner phallischen Urkraft, wie es lust-und schmerzgepeinigt am Rande einer Gruft sich in Qualen wand. Es schrie in großen Schmerzen und wollte sich mit einer Frau vereinigen, die über die offene Gruft gebeugt an deren Rand kniete. Das Einhorn rang in großer Verzweiflung die Hände und wollte die Frau umschlingen. Die Frau aber verlachte das Einhorn. In der Gruft lag der Tod, in der Gestalt eines alten Weibes, bereit, das Einhorn zu empfangen.

6. In Erwartung der Auferstehung
Radierung auf Kupfer
Paris, 1952, 18 x 21,6 cm
Auflage 11/60
Signiert, datiert und bezeichnet: Ernst Fuchs, 1952, Der Tote und das Einhorn
2.Zustand
WV Weis Nr.42/II

Die Eröffnung der Ausstellung in der „Galerie 55“ in Paris wurde für den Mai 1952 festgesetzt. Alle meine Hoffnung war auf dieses Ereignis gerichtet. Als Einladungsblatt machte ich die Radierung „In Erwartung der Auferstehung“. Das Einhorn als Tod, als Hüter der Schwelle in Gestalt eines Drachens. Und wieder balancierte das Tier ein Ei (Gefäß) zwischen Stirn und Horn: die Welt. Dahinter stand Lazarus. Ein Skelett und ein Weib spannten sein Grabtuch auf. Das Einhorn war zum Weltbeherrscher geworden, zum weltherrschenden Tod, aber es zeigte, sein Schwanzende zwischen den gefletschten Zähnen haltend, die Wiederkehr, die Wiedergeburt an. Nun war das Einhorn zum Symbol der alles überwindenden, alles bewegenden und verwandelnden Kraft geworden.

7. Der Triumph des Einhorns
Radierung auf Kupfer, Wien, Paris, Metz, 1952/1966
69,5 x 31,7 cm
Auflage 8/10
Signiert rechts unten: Ernst Fuchs
4.Zustand
WV Weis Nr.43/IV

Wie eine Bombe schlägt der Eine, der unteilbare Gott in den Turmbau des Vielhorns ein. Sein monotheistischer Kampfgeist zerstört dieses Fort des Todes und stürzt seinen Beherrscher, das Vielhorn, ins Meer, darin Aphrodite treibt. In die Speichen der Räder seines Kampfwagens sind die Opfer eingeflochten. Das Rad ist wie ein Zahnrad, besetzt mit scharfen Klingen, das Rad der Kriegsmaschinerie. Das Einhorn steht in einer bombenförmigen Kanzel, kämpft gegen die Welt der Dämonen. In der Krone selbst erscheint der Erlöser und Gottvater mit einem Kronreif, um dessen Rund die Trophäen des überwundenen Uroboros geschlungen sind.

(zit.: Ernst Fuchs: Zeichnungen & Graphiken aus der frühen Schaffensperiode 1942-59". Hrsg.: Friedrich Haider, Löcker Verlag, 2003)