Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

13. November 2012

0926

Egon Schiele

(Tulln 1890 - 1918 Wien)

„Mädchenporträt“
1918
Kohle und schwarze Tempera auf Papier
45,7 × 29,6 cm

Schätzpreis: € 150.000 - 300.000
Meistbot: € 220.000
Auktion ist beendet.

Egon Schiele
(Tulln 1890 - 1918 Wien)

Mädchenporträt (Hilde Ziegler), 1918
Kohle und schwarze Tempera auf Papier; 45,7 x 29,6 cm
Signiert und datiert rechts unten: EGON SCHIELE 1918

Provenienz: Nachlass des Künstlers; vermutlich Anton Peschka; Sammlung Heinrich Rieger; 1921 von Hilde Ziegler bei Heinrich Rieger erworben; seither in Familienbesitz
Vergleiche dazu die zweite Porträtzeichnung Schieles von Hilde Ziegler, abgebildet in: Jane Kallir, Egon Schiele, The Complete Works, New York 1990, Nr. 2229, S. 610. Provenienz-Angabe und Abbildung im Werkverzeichnis basieren auf dem Druck, der von dieser zweiten Zeichnung angefertigt wurde (Strache portfolio, 1920, pl. 8). Beide Porträts von Hilde Ziegler befanden sich seit 1921 in ihrem Besitz.

Das bislang unentdeckte Mädchenporträt von Egon Schiele entstand drei Wochen vor seinem Tod und stellt Fräulein Hilde Ziegler im Alter von 17 Jahren dar. Die Entstehungsgeschichte dieser großartigen Mädchendarstellung aus den letzten Lebenswochen Schieles ist im Detail überliefert:
Hilde Ziegler besuchte die Wiener Privatschule von Dr. Eugenie Schwarzwald, die für ihre progressiven pädagogischen Ansätze bekannt war. Auf Wunsch der Schulleitung trat Hilde Ziegler in Verbindung mit Egon Schiele und bat ihn, er möge ein Bild für die Zeitung des Gymnasiums malen. Schiele willigte ein, aber nur unter der Bedingung, dass sich die Schülerin Hilde Ziegler von ihm zeichnen lasse.
Am 2. Oktober 1918 forderte er sie brieflich auf, in sein Atelier zu kommen: " Sehr geehrtes (Fräulein)! Samstag den 5. d. M. zwischen 3 und 5 erwarte ich Sie um Näheres wegen der Porträtsitzung zu besprechen. Hochachtungsvoll Egon Schiele" (vgl. Abbildung des Originalbriefes). In der Folge entstand die vorliegende Zeichnung. Nur wenig später, am 31. Oktober 1918, starb Egon Schiele. Kurz nach Schieles Tod nahm Hilde Ziegler Kontakt zu Anton Peschka, dem Schwager Schieles, auf, weil sie sehr daran interessiert war, die Porträtzeichnung zu erwerben. Anton Peschka informierte Hilde Ziegler in einem Brief vom 26. November 1918, dass er glaube, die Zeichnung gefunden zu haben. Dennoch gelang es Hilde Ziegler erst drei Jahre später, das Blatt in den Besitz ihrer Familie zu bringen. Sie erwarb das Werk 1921 bei Heinrich Rieger.

Die aus den letzten Lebenswochen Schieles stammende Porträtzeichnung ist von besonderem Reiz. Suggestiv vermittelt Schiele die jugendliche Anmut der Dargestellten durch eine außergewöhnlich schöne und überraschend weiche Linienführung.
Schiele gibt das junge Mädchen in leichter Seitenansicht wieder, bekleidet mit einer bis oben hin zugeknöpften Bluse – eine Aktdarstellung hat Hilde Ziegler verweigert. Der wache Blick geht am Maler vorbei nach links, ein leichtes Lächeln umspielt die Lippen. Der nach links hin offene V-Ausschnitt der Bluse hebt das schlanke Gesicht hervor und lässt das Auge über Hals und Nacken zu den Haaren gleiten. Während Schiele die sanften physiognomischen Züge genau herausarbeitet, deutet er den Oberkörper nur fragmentarisch an, die linke Partie bleibt fast zur Gänze ausgespart.
Mit sicherem Strich, der keiner Korrekturen bedarf, führt Schiele den Kohlestift und setzt die Mädchengestalt ohne räumliche Verankerung auf die Bildfläche, getragen allein von der Umrisslinie und dem sparsamen Lineament der Binnenzeichnung. Auffallend akribisch gestaltet er die hochgesteckte Frisur: er greift hier zum Pinsel und zur Temperatechnik und bereichert die Zeichnung um eine malerische Komponente.

Als Egon Schiele am 31. Oktober 1918 mit nur 28 Jahren der Spanischen Grippe erlag - seine schwangere Frau starb drei Tage zuvor an derselben Epidemie -, war seine künstlerische Laufbahn endlich an einen Punkt gelangt, wo er auch kommerzielle Erfolge feiern konnte. Die Österreichische Galerie hatte 1917 wichtige Werke angekauft, während die Wiener Secession im März 1918 eine große, Egon Schiele und seinen Künstlerfreunden gewidmete Ausstellung zeigte. Nach dem anfänglichen Unverständnis des Publikuns fand Schiele durch diese Schau schließlich die lang ersehnte breite Resonanz. (CMG)