Auktionshaus

Auktion: Alte Meister

13. November 2012

0023

Jan Davidsz. de Heem

(Utrecht 1606 - 1683/84 Antwerpen)

„Prunkstillleben“
1645
Öl auf Leinwand
75,6 × 101,4 cm

€ 100.000

Jan Davidsz. de Heem
(Utrecht 1606–1683/84 Antwerpen)
Prunkstillleben, um 1645
(auf einem teilweise mit Stoff bedeckten Tisch befinden sich von links nach rechts: Muscheln, Garnelen, Pfirsiche und Trauben, dahinter ein Venezianisches Glas, ein silbervergoldeter Deckelpokal, ein Silberbecher, ein Flötenglas; Nektarinen, Garnelen, ein Brötchen und eine Zitrone auf einer Zinnplatte; Trauben und Austern daneben; darüber ein Korb mit Früchten, bedeckt von einer Zinnplatte mit Wurst und Schinken umrankt von Weinblättern. Im Hintergrund eine Wand mit leicht beschädigtem Mauerwerk und einem Nagel links oben)
Öl auf Leinwand, doubliert, 75,6 × 101,4 cm
Signiert links unten: J D. heem . f.
Provenienz: vom Wiener Architekten Heinrich von Ferstel (1828-1883) wohl bei einer Auktion im Jahre 1872 in Paris erworben; seither durch Erbnachfolge in Familienbesitz

Fred G. Meijer, RKD (Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie, Den Haag), hat das Gemälde im Jahre 2000 im Original begutachtet und es als eigenhändiges Werk Jan Davidsz. de Heems bestätigt. Er wird das Gemälde in sein in Vorbereitung befindliches Werkverzeichnis des Künstlers aufnehmen.

Heinrich von Ferstel (1828-1883) gilt als eine der großen Persönlichkeiten der Wiener Ringstraßen-Ära. Als Architekt der Votivkirche und des Hauptgebäudes der Universität erlangte er internationale Berühmtheit und prägte bis heute entscheidend das Stadtbild. Im ersten Wiener Gemeindebezirk befindet sich das nach ihm benannte „Palais Ferstel“ – Bank- und Börsengebäude an der Freyung, welches auch das bekannte Café Central beherbergt. Ferstel selbst lebte in einer Villa in einem der noch nicht eingemeindeten Bezirke am Wiener Stadtrand und baute eine Privatsammlung mit erlesenen Gemälden auf. Wie in Familienaufzeichnungen überliefert ist, wurde vorliegendes Gemälde von Heinrich von Ferstel wohl in einer französischen Versteigerung im Jahre 1872 erworben und zierte fortan das Speisezimmer der Familie.

Jan Davidsz. de Heem ist einer der berühmtesten und einflussreichsten Stillleben-und Blumenmaler des 17. Jahrhunderts. Das vorliegende Gemälde ist ein herausragendes Beispiel der sogenannten Gattung der Prunkstillleben (pronkstilleven), ein Sujet für welches Jan Davidsz. de Heem als Pionier gilt. Das Gemälde entstand in den 1640er Jahren, ein Jahrzehnt in welchem der Künstler stets mit neuen Kompositionen und Detaildarstellungen experimentierte. Zahlreich datierte Gemälde aus dieser Schaffensphase erlauben es heute de Heems stilistische Entwicklung genau nachzuvollziehen und ermöglichen auch undatierte Werke mit großer Genauigkeit und Sicherheit zu datieren. Aufgrund des Vergleiches mit einem in der Darstellung ähnlichen, doch kleineren und datierten Werk (in einer Privatsammlung), nimmt Fred Meijer für vorliegendes Gemälde eine Datierung in das Jahr 1645 an. Die Komposition ist ebenfalls eng verwandt mit einem signierten Gemälde in der Royal Collection, Schweden, welches 1645/46 datiert wird. Ähnlichkeiten kkönnen auch zu einem von de Heems Hauptwerken aus dieser Periode, einem Stillleben mit Ausblick auf eine Küstenstadt, 1646, im Toledo Art Museum, Ohio, festgestellt werden. Fred Meijers Untersuchungen zeigen desweiteren, dass die Signaturen aller dieser Gemälde auch sehr ähnlich bezüglich Ihres Schriftbildes sind, was weiter ein zeitlich nahes Entstehungsdatum untermauert.
Einzelne der in vorliegendem Gemälde dargestellten Objekte lassen sich auch in anderen Werken des Künstlers finden. Die Wiederverwendung ein und desselben Motivs war selbst für einen der Hauptmeister wie de Heem ganz üblich. Dies darf nicht als Zeichen mangelnder Inspirationsquellen verstanden werden, viel mehr zeigt es ganz deutlich, dass die Künstler in derartigen Stillleben nicht eine Realität abbilden sondern eine neue Realität schaffen wollten. Der vergoldete Pokal beispielsweise erscheint zum ersten Mal in einem um 1639 zu datierenden Werk (ehemals Noortman, Maastricht) und dann, unter anderem, in einem Stillleben um 1643 (Chalon-sur-Saone, Musée Denon). Die große Muschel, eine sogenannte „Turbo marmoraturs“, kehrt in einigen von de Heems Stillleben aus den 1640iger Jahren wieder; unter anderem in einem Gemälde im Maritshuis, Den Haag, in welcher die Muschel auch in genau derselben Position dargestellt wird. Unter der Annahme einer Entstehung im Jahre 1645, legt Fred Meijer nahe, dass es sich bei vorliegendem Gemälde möglicherweise um das erste Werk de Heems handelt, das einen Nagel in der Rückwand aufweist, eine Erfindung de Heems, welche die Tiefenwirkung verstärkt, und die fast zu einer Art „Signaturmotiv“ für seine Werke aus dem nächsten Jahrzehnt werden sollte.