Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

01. Dezember 2018, 15:00 Uhr

0042

Bruno Gironcoli*

(Villach 1936 - 2010 Wien)

„o.T.“
1987
Metallpulverfarbe, Tusche und Mischtechnik auf Papier; gerahmt
150 x 200 cm
Signiert zweifach rechts unten: B. Gironcoli

Provenienz

direkt beim Künstler erworben;
Privatbesitz, Tirol

Ausstellung

mumok - museum moderner kunst stiftung ludwig, Wien, 3. 2. - 27. 5. 2018

Literatur

Bruno Gironcoli. In der Arbeit schüchtern bleiben, Ausstellungskatalog, mumok - museum moderner kunst stiftung ludwig, Wien 3. 2. - 27. 5. 2018, Abb. S. 347

Vgl. Zeichnung von 1987, in: Bruno Gironcoli. Arbeiten auf Papier, Ausstellungskatalog, Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz, 1990, Kat. Nr. 73, Abb. S. 74

€ 55.000

Die Zeichnungen und Malereien des österreichischen Bildhauers Bruno Gironcoli sind nicht nur als eine Ergänzung zu seinen einzigartigen Skulpturen zu sehen. Sie boten dem Künstler vor allem auch die Möglichkeit, freier zu arbeiten und sein Motiv-Repertoir zu erweitern. Ähnlich wie seine Skulpturen, setzen sich die Papierarbeiten des Künstlers aus verschiedenartigen Bildelementen zusammen, die er immer wieder neu arrangiert und kontextualisiert. Gironcoli hat damit eine eigenständige Bildsprache erschaffen, die zudem futuristische, expressionistische und surreale Elemente in sich vereint.
Die dem Künstler eigentümlichen metallischen Farben verleihen seinen Arbeiten eine wertvolle, erhabene und sakrale Note. Von Gironcoli mit Vorliebe eingesetzte Muster strukturieren die chaotischen Szenen und bieten den Bildelementen Zusammenhalt. Das Motiv des ornamentalen Federkerns, das auch in anderen Papierarbeiten Verwendung findet, entpuppt sich hier in Kombination mit einem elektrischen Stecker an der linken Bett-Breitseite als ein Folterinstrument. Gironcolis Oeuvre ist durchgehend mit düsteren Erzählungen gespickt. Übersteigerungen und Grotesken seien seinem Realitätsempfinden näher als eine „normale, einfache Darstellung“, kommentiert Gironcoli in einem Interview 1990 seine Arbeiten.
In der rechten Bildhälfte sehen wir die Drahtstruktur in Auflösung begriffen und durch eine mehrlagige Schicht von stofflichen Streifenelementen, einer Matratzenfüllung ähnlich, gestört. Man muss genau hinsehen, um im Gewirr die kleinen Gabeln zu erkennen, die der organischen Akkumulation Essbarkeit zuschreiben. Gabeln, nudelartige Bandagen, oder die in der Darstellung ebenfalls auftretenden Kelchgefäße, sind Bildgestalten, die sich in anderen Arbeiten Gironcolis wiederholen und modulartig aus- und eingetauscht werden können.
Den strukturierten Elementen, den Möbelstücken, der Architektur, dem Maschinellen und den Musterungen in Gironcolis Arbeiten treten organische und atmosphärische Motive gegenüber, die für Ausgewogenheit sorgen. Häufig begegnen uns wolkenähnliche, dynamische, schwarze Wirbel aus gestisch-lockeren Pinselhieben. In der oberen linken Bildecke entsteigt einem schwarzen Wolkenknäuel eine gebückte Rückenfigur im Anzug, die in Gironcolis Grafiken seit Beginn an in diversen Abwandlungen auftritt und vom Künstler als „Murphy“ bezeichnet wird – in Anlehnung an die Hauptfigur eines Romans von Samuel Beckett. (vgl. Christian Reder in: Bruno Gironcoli. Die Ungeborenen, Ausst.-Kat. MAK, Wien 1997, S.109) (Isabell Kneidinger)