Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

01. Dezember 2018, 15:00 Uhr

0040

Hermann Nitsch*

(Wien 1938)

„o.T., Assemblage“
1963
Blut, Farbe, Textil auf Jute; gerahmt
106 x 80 cm
Rückseitig signiert und datiert: hermann nitsch 1963

Provenienz

2016 aus der Sammlung Friedrichshof erworben;
seither Privatbesitz, Wien

Literatur

Museum Moderner Kunst Wien (Hg.), Nitsch. Das bildnerische Werk, Salzburg, Wien 1988, Abb. S. 62.

€ 60.000

In den 1950er und 1960er Jahren steht das malerische Oeuvre im Vordergrund des Schaffens von Hermann Nitsch. Parallel dazu beginnt er ab 1957 die Idee des Orgien Mysterien Theaters als neue Form des Gesamtkunstwerks zu entwickeln. Ein Jahr vor der Entstehung der vorliegenden Arbeit findet die erste Malaktion mit echtem Blut statt und im selben Jahr, 1963, mit dem Fest zum psycho-physischen Naturalismus in Otto Muehls Atelier in der Perinetgasse, die erste öffentliche Aktion. In diesem Jahr werden auch erstmals Relikte der Aktionen in künstlerische Objekte verwandelt. Die befleckten und besudelten Stoffe gelten als „authentische Dokumente des Geschehens, sie konservieren die Handlungen und ihre Spuren und erhalten ihre Aktualität über die Zeit“ (https://www.nitschmuseum.at/de/hermann-nitsch/werk/werk, zugegriffen am 6.10.2018).

Drei mit Blut vollgesogene, quadratische Stoffflecken sind geometrisch übereinander auf der ungrundierten Juteleinwand aufmontiert. Das wilde tachistische Moment, das in der blutgetränkten weißen Baumwolle konserviert ist, findet eine zaghafte Fortsetzung in einigen wenigen Blutspritzern auf der Jute und steht im Kontrast zur ruhigen Geometrie der Gesamtkomposition, die noch durch Farbbalken in Rottönen unterstrichen wird. Einerseits erinnert das Rot an die Farbe frischen, noch nicht aufgetrockneten Bluts, andererseits verweist es gepaart mit Rosatönen im unteren Bereich bereits auf die Auseinandersetzung mit Farbskalen, die zur „Objektivierung der Sinneswahrnehmung“ (https://www.nitschmuseum.at/de/hermann-nitsch/werk/werk, zugegriffen am 6.10.2018) dienen sollen. Ende der 1960er Jahre konzipiert Nitsch auch eine Farbenlehre für das Orgien Mysterien Theater, in der er „in individuellen Farbskalen die wechselweise Wirkung der Farben untersucht und den Tönen bestimmte akustische Klänge zuordnet“ (s.o.). Fast mutet das aus montierten Aktionsrelikten komponierte Blutbild wie eine Partitur an, in der Geschehnisse und Emotionen für die Nachwelt festgehalten werden sollen. Noch baut Nitsch den „durchbruch der verdrängten sinnlichkeit in kompositionsschema der alten malerei ein“, um in einem nächsten Schritt, „diese traditionelle formelle einengung“ immer mehr zu zerreißen und beiseite zu schieben, damit „die freude am dynamisch-destruktiven konkreten ereignis“ nach vorne treten kann (Hermann Nitsch in: Nitsch. Eine Retrospektive. Ausstellungskatalog, Sammlung Essl, Klosterneuburg 2004/2005, S. 134). Die Kunst wird nun die Grenze zu Leben und Wirklichkeit überschreiten, Kunst und Leben werden eins. (Sophie Cieslar)