Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

20. Juni 2018, 18:00 Uhr

0815

Arnulf Rainer*

(Baden 1929)

„o.T. (Maske)“
2007
Acryl auf Maske auf Holz in einem Plexiglas-Kasten
ca. 62,5 x 41 x 13 cm
Signiert und datiert links unten: A. Rainer 07

Provenienz

Galerie Schmidt, Reith im Alpbachtal;
Privatbesitz, Tirol

Literatur

Galerie Schmidt (Hg.), Arnulf Rainer. Masken, Ausstellungskatalog anlässlich der Ausstellung "Arnulf Rainer. Masken" zum Europ. Forums Alpbach 2010, Reith im Alpbachtal 2010, Abb. S. 58.

€ 25.000 - 40.000

„Ideen als solche sind neutral – oder sollten es zumindest sein. Aber der Mensch haucht ihnen seinen Atem ein, entfacht sie mit seiner Glut und seinem Wahn; unrein, in Glaubenssätze verwandelt, schalten sie sich nun in die Zeit ein, werden Ereignis.“ (Emile Cioran, Lehre vom Zerfall, 1953 in einer Übersetzung von Paul Celan)

Es kennzeichnet das Wesen Arnulf Rainers, dass er sich fast obsessiv in ein Thema vertiefen kann, es bis an seine Grenzen auslotet, austestet, ausdehnt und in den expressiven Übermalungen überlagert, verdeckt und ins Verborgene gerückt auflöst, auslöscht, aber gleichzeitig heraushebt. Dabei beschäftigt er sich schon früh mit den östlichen Glaubenslehren, der Zen-Philosophie, der christlichen Lehre, studiert die Schriften des Laotse und westlicher Philosophen wie Emile Cioran. „Diese Besessenheit ist ohne Zweifel ein Teil von Rainers künstlerischer Persönlichkeit – einer Persönlichkeit, die man gelegentlich mystisch und religiös genannt hat.“ (Rudi H. Fuchs in: Antonia Hoerschelmann, Helmut Friedel (Hg.), Arnulf Rainer. Ausstellungskatalog, Albertina, Wien 2014/2015, S.161)

In Rainers späten Werken spielen die Erfahrungen und Experimente der früheren Jahre hinein, er baut auf den malerischen Errungenschaften auf, entwickelt sich aber stetig weiter. Im Zentrum steht stets das „Ausloten von gestisch Eruptivem gegenüber dem kontemplativ Konstruktivem“ (s.o., S. 9), jene beiden Pole zwischen denen der Künstler pendelt und die immer wieder einmal mehr, einmal weniger in den Vordergrund treten und in vorliegendem Werk eine Symbiose eingegangen sind. Mit einander überlagernden Pinselstrichen in unterschiedlichen Farben, die Schicht für Schicht immer dunkler und schwerer, immer dichter und undurchdringlicher werden, formt Rainer eine Art Aureole. Das Kraftfeld im Zentrum ist weiß belassen und strahlt Ruhe aus wie das Auge eines Sturms. Hier platziert der Künstler eine Maske, die mit einem Busch aus Kunsthaar bekrönt ist. Es ist das Bildnis eines chinesischen Weisen, eines Philosophen, vielleicht des Konfuzius, das hier wie in einem Reliquienschrein präsentiert wird. Es finden sich Anknüpfungspunkte an die Werkgruppe „Kistenwalhalla“ von 1980/1988, in der sich Arnulf Rainer auf die gleichnamige Gedenkstätte bei Regensburg und die darin ausgestellten Büsten bezieht und mit PU-Schaum eingefasste und expressiv übermalte Masken in symbolische Särge bettet. Die seitlichen Bogenformen sind Vorboten der Serie „Bögen und Kurven“ von 2012/2013, in der Rainer dünne, rinnende Farbe wie bunte Schleier übereinanderlegt und mit immer dunkleren Tönen überlagert. Vorhängen gleich werden die opaken Bogenformen zur Seite gezogen und machen den Blick frei auf tiefere Schichten bis hin zum weißen Grund. Das Existentielle, das Wesen des Menschen, sein Sein, sein Denken stehen im Zentrum vorliegenden Bildobjekts, es ist die Aufgabe des Künstlers das Physische ebenso aufzuzeigen wie das Psychische.

„In jedem Mensch schlummert ein Prophet: erwacht er, so gibt es ein klein wenig mehr des Übels in der Welt“. (E. Cioran)
(Sophie Cieslar)