Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

06. Dezember 2017, 18:00 Uhr

0647

Franz West*

(Wien 1947 - 2012 Wien)

„Nippes“
Acryl, Papiermaché, Stahl
H. 113 cm

Provenienz

2003 direkt vom Künstler erworben;
seither österreichische Privatsammlung

€ 145.000

Ab 1974 beschäftigt sich Franz West mit Papiermachés und fertigt Plastiken in dieser Technik. 1980 werden diese seltsamen Gebilde erstmalig in der Galerie nächst St. Stephan ausgestellt, indem sie dort einfach an die Wände gelehnt werden. Dazu gibt es eine Art visuelle Gebrauchsanweisung, wo auf Fotos Personen bei der Benutzung der Objekte zu sehen sind. Im Text der Einladungskarte scheint der Begriff „Passstück“ auf: „Zu den Objekten: Die Objekte sollen verwendet werden. Sie bilden den potentiellen Versuch einer Formgebung neurotischer Symptome... Ihre Beziehung zu den jeweiligen Trägern verleiht den Objekten zusätzliche Dimension...“ (Veit Loers, Franz West, Collector’s Choice. Künstlermonographien. Friedrich Flick Collection, Band 5, Köln 2006, S. 11) Das Publikum wird also dezidiert dazu eingeladen, seine passive Rolle aufzugeben, nicht nur zu schauen, sondern die Werke zu verwenden, sie wie eine Art Prothese anzulegen oder als Stütze einzusetzen und so seiner Gefühlswelt Ausdruck zu geben. Die Kunst tritt somit aus dem Museum, aus der Galerie heraus in den Lebensraum. Es geht Franz West um benutzbare Kunst, die ausdrücklich verwendet werden darf und soll.

Die Fragilität der Passstücke, die durch die Benutzung bisweilen Schaden erlitten, macht die Verwendung von Podesten nötig, um einen Respektabstand zu schaffen. Durch diese Art der Präsentation wird aber die ursprüngliche Idee der Partizipation des Publikums pervertiert. Ein weiterer Schritt ist dann die Umwandlung eines Passstückes in eine Standskulptur. Die Verwendung ist möglich, ohne aber die Arbeit selbst in die Hand nehmen zu müssen und so abzunützen. In die Passstücke fließen persönliche Erinnerungsbilder des Künstlers ebenso ein wie die Formen traditioneller Alltagsgegenstände. Eine Werkgruppe nennt Franz West passenderweise „Pleonasm“. Ein Pleonasmus bezeichnet eigentlich eine übertriebene damit überflüssige rhetorische Figur, einen Wortreichtum ohne Informationsgewinn. Die Passstücke dienen also der besonderen Hervorhebung eines Gedanken, sie sind ein Ausdruckmittel, dass eine erwünschte Wirkung bewusst steuert und diese noch verstärkt. In den späteren Passtücken wie vorliegendem tritt die Farbe zur Verstärkung bestimmter Wirkungen noch hinzu. „West bedient sich handwerklicher Formen aus einfachen Materialien, die als utopisches Modelle den‚ Vorschein einer besseren und freieren Zukunft’ erzeugen sollen... als Potential einer Kunst, die den Menschen, der sie begehrt in sich einschließt.“ (Loers, S. 9) (Sophie Cieslar)