Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

05. Dezember 2017, 18:00 Uhr

0211

Alfred Kubin*

(Leitmeritz 1877 - 1959 Zwickledt)

„Dame in Abendrobe“
1905/06
Kleisterfarben, Aquarell auf Papier
30,5 × 27,5 cm
Signaturstempel sowie Adress-Stempel des Künstlers rückseitig

Provenienz

von Cäcilila Lindinger (1908-1982), der Haushälterin der Familie Kubin, kurz nach Alfred Kubins Tod (1959) erworben;
seither in österreichischer Privatsammlung

Wir danken Ferdinand Altnöder für seine wissenschaftliche Unterstützung und seine wertvollen Hinweise.

€ 75.000

Das vorliegende Werk wurde kurz nach Kubins Tod im Jahr 1959 von dessen Haushälterin Cäcilila Lindinger (1908-1982) erworben und verblieb seither in einer österreichischen Privatsammlung. „Cilly” Lindinger war für die Familie Kubin seit 1937 tätig und betreute das Kubinhaus in Zwickledt bis 1982.

Auf der Rückseite des Blattes befinden sich Signaturstempel und Adressstempel des Künstlers. Dazu erläutert Ferdinand Altnöder: "Die vorgelegte Arbeit ist nicht signiert und trägt rückseitig den Signaturstempel 'Alfred Kubin' sowie - schwer leserlich - den Adressstempel des Künstlers: 'Professor Alfred Kubin Wernstein a. Inn Oberösterreich'. Dieser Stempel wurde am 16. Dezember 1958 kurz vor Kubins Tod ausgeliefert, wie eine Rechnung der Stempelfirma Herbst in München belegt. Mir sind diese Stempel aus dem Besitz von Rosa Samhaber (1913-2003), der Schwester des Kubinfreundes, Sammlers und Pfarrers Alois Samhaber (1901-1964) bekannt. Die Stempel, vor allem der Signaturstempel, wurden wohl vom Pfarrer und vielleicht auch von seiner Schwester verwendet, um nicht signierte Skizzen Kubins zu kennzeichnen. Entsprechende Blätter sind häufig und bekannt. Ich habe diese Stempel bei Rosa Samhaber entdeckt und mit ihrem Einverständnis umgehend an das Kubinarchiv im Lenbachhaus München gesandt, damit sie nicht missbräuchlich verwendet werden können." (Ferdinand Altnöder, September 2017)

Bei seinem Aufenthalt in Wien im Frühjahr 1905 wurde Alfred Kubin von Kolo Moser zur Kleisterfarbenmalerei inspiriert. Kolo Moser, der wie andere Secessionskünstler seit 1901 mit dieser neuen Technik experimentiert hatte, unterrichtete Kubin in der Verwendung von mit Kleister versetzten Aquarellfarben, wie Kubin selbst 1911 im Rückblick berichtete: "In Wien hatte mir Kolo Moser eine Technik gezeigt, bei der man mit Kleister vermischte Aquarellfarben zu eigentümlichen, sehr schönen farbigen Wirkungen verwenden konnte. Ich beschäftigte mich eingehend mit dem neuen Verfahren, und es gelang mir eine ganze Reihe in allen Farben schillernder und funkelnder Bilder. Zauberwälder, Blumen, Fische und Vögel, wie in einen Regenbogen getaucht, orientalische Kostüme, wie aus Schmuck und Schmetterlingsflügeln zusammengesetzt, konnte man besonders gut geben." (Alfred Kubin, "Aus meinem Leben", 1911, zitiert in: Gesammelte Prosa mit 71 Abbildungen, hrsg. von Ulrich Riemerschmidt, München 1974, S. 34)

Kubin stellte seine ersten Kleistertechniken im Sommer 1905 im Kunstsalon Krause in München aus. Der zeitgenössische Kritiker G. Fuchs schrieb in seinem Bericht zur Ausstellung: "Wir sehen nun farbige Blätter von seiner Hand, in denen diese neue Ausdrucksform gefunden scheint. Die illustrative Note ist fast gänzlich verschwunden; dafür ist ein ornamental-dekoratives Element eingetreten von einer Seltsamkeit, von einem Reichtum und einer Eindringlichkeit des Ausdrucks, die alles Frühere weit in den Schatten stellt. ... Die neue Technik Kubins scheint ein ähnliches Verfahren zur Grundlage zu haben, wie es bei der Anfertigung von Buchbinderpapieren, Vorsatzpapieren in Kleistertechnik gebräuchlich ist. Er hat dieses einfache Verfahren künstlerisch ungemein ergiebig gemacht..." (zitiert nach: Annegret Hoberg (Hg.), Alfred Kubin 1877 - 1959, München 1990, S. 262f.)

Das hier erstmals präsentierte Werk "Dame in Abendrobe" ist eine jener in den Jahren 1905 und 1906 entstandenen Arbeiten, in denen sich Kubin der Kleistertechnik widmete. Die Zahl der in dieser Manier gestalteten Bilder ist überschaubar. In seiner Ausführung kommt das vorliegende Blatt etwa der "Seeschlange” aus der Sammlung Leopold nahe.
Mit malerischen Mitteln, ohne die charakteristische Verwendung von Feder und Tusche, kreiert Kubin eine visionäre Darstellung einer elegant gekleideten Dame. Ihren Blick frontal auf den Betrachter gerichtet, wirkt ihr Gesicht unter der riesig aufgeblähten, vornehmen Abendrobe mit pelzbesetztem Kragen verschwindend klein. Kubins Vorliebe für eine auf der Linie basierende Formensprache weicht einer malerischen Ausdrucksform, die auf lineare Akzente dennoch nicht verzichtet: am Ende seines Malvorgangs dreht der Künstler seinen Pinsel um und kratzt mit dem Stiel Linien in die Farbe, um die Damenrobe detaillierter zu beschreiben. (CMG)