Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

05. Dezember 2017, 18:00 Uhr

0219

Egon Schiele

(Tulln 1890 - 1918 Wien)

„Sitzende Frau“
um 1914
Bleistift auf Papier
48,2 × 32 cm
Sammlungsstempel Heinrich Böhler Nr. 19 rechts unten sowie von fremder Hand bezeichnet
Rückseitig Bleistiftskizze

Provenienz

Sammlung Heinrich Böhler;
österreichischer Privatbesitz

Jane Kallir hat das Blatt im Original begutachtet und die Echtheit bestätigt. Sie wird das Werk mit der Nummer D. 1518a in den Nachtrag ihres Werkverzeichnisses aufnehmen. Fotozertifikat von Jane Kallir, 19. Mai 2017, liegt bei.

€ 100.000

Im Herbst 1914 bricht der erste Weltkrieg aus, doch hat Schiele das Glück, davon wenig betroffen zu sein. Wegen seiner eher schwachen körperlichen Befindlichkeit wird er zweimal als untauglich befunden und kann sich weiterhin intensiv der Kunst widmen. Seine Ausstellungsbeteiligungen nehmen national und auch international zu. Der weibliche Akt bleibt weiterhin sein Hauptthema, daneben entstehen zahlreiche Selbstportraits sowie Stadt- und Landschaftsbilder. Trotzdem ist Schieles finanzielle Situation keineswegs abgesichert. Dies ändert sich im Herbst 1914, als ihn über Josef Hoffmann der Kunstsammler Heinrich Böhler kontaktiert, dessen Familie die Eisen und Stahl produzierenden Böhler-Werke besitzt. Böhler ist auch selbst künstlerisch tätig und bittet Schiele um Unterricht, er und sein Cousin Hans werden in den folgenden Jahren zu großen Förderern und Sammlern seiner Kunst. Als Schiele zum Militär einrücken muss, unterstützt ihn Heinrich Böhler sogar mit einer monatlichen Rente und einem Auftragsbild. Aus seiner Sammlung stammt auch das vorliegende Blatt „Sitzende Frau“.

Bei Schieles Zeichnungen verändert sich um diese Zeit der Stil; die Striche wirken nervöser, kürzel-artig, er verwendet Schraffuren, Kringel und Wellenlinien, die die Haare, Kleidung und Gesichter seiner Modelle nur mehr andeuten. Gleichzeitig verlieren die Frauen ihre Identität, ihre Gesichter wirken schematisiert und teilweise sehr hart, wie geschnitzt. Statt Augen setzt ihnen der Künstler nun oft nur Punkte ins Gesicht, darüber zeichnet er stark geometrisierte Augenbrauen. Manchmal sind die Augen auch geschlossen, was den Modellen etwas Puppen- oder Marionettenhaftes verleiht. Die kritzelige, kantige Strichführung strahlt eine „Art elektrischer Energie“ (Wolfgang Georg Fischer, Egon Schiele, 1890-1918, Pantomimen der Lust. Visionen der Sterblichkeit, Köln 2004) aus, gleichzeitig gewinnen die Figuren an Plastizität.
Ist dieser Stil hier auch nicht extrem ausgebildet wie in anderen, etwa gleichzeitig angefertigten Zeichnungen, so ist doch die Schematisierung von Augen, Nase und Mund gut erkennbar, die Frisur und der Kragen sind nur mit wenigen Strichen angedeutet, die Falten und Überlagerungen des Kleides wirken auf den ersten Blick wie chaotisch hingekritzelt. Tatsächlich ist jeder Strich aber wohlüberlegt gesetzt. Der linke Arm der Frau ist nicht ausgeführt, Schiele lässt ihn unterhalb der Schulter in zwei Strichen ins Leere auslaufen, wobei der innere, stark verlängerte, gleichzeitig die Figur begrenzt, im Bild „verankert“ und als Sitzende erkennbar macht. (Ina Waldstein)