Auktionshaus

Auktion: Gemälde des 19. Jahrhunderts

18. Oktober 2017, 17:00 Uhr

0682

Albin Egger-Lienz

(Stribach bei Lienz 1868 - 1926 St. Justina bei Bozen)

„Der Trommler (Studie zum "Ave")“
1894
Öl auf Karton
22 × 19 cm
Signiert links unten: A. Egger Lienz

Provenienz

Franz Hauer, Wien;
Dorotheum Wien, 16. 5. 1935, Nr. 75, Abb. Tafel 4;
Erika und Peter Müllersen, Wien;
Privatbesitz, Wien

Literatur

Heinrich Hammer, Albin Egger-Lienz, Innsbruck 1930, WV-Nr. 4, S. 264 (o. Abb.);
Wilfried Kirschl, Albin Egger Lienz. Das Gesamtwerk. Band II, Wien 1996, Abb. S. 41, WV-Nr. M 78, S. 511

€ 31.000

Als Albin Egger im Jahr 1891 seinem Namen „Lienz“ hinzufügt, ist dies ein bewusstes Statement: Hier komme ich her und aus diesem Umfeld heraus schöpfe ich. Jede wahre Kunst sei „Heimatkunst“, stellt der Maler später fest, ob von Rembrandt oder Hals, Millet oder Meunier. Denn nur aus der Vertiefung in die eigene Lebenswelt entstehe zeitlos Gültiges. (Dass sich Egger dabei in seiner Entwicklung zunehmend dem vordergründig Bodenständigen entzieht, zählt zu seinen zentralen Qualitäten.)
Zu seiner Lebenswelt gehört für Egger-Lienz ganz entscheidend die Tiroler Geschichte, im Besonderen – anknüpfend an sein großes Vorbild dieser Jahre, den gleichfalls aus Osttirol stammenden Münchner Akademieprofessor Franz von Defregger – die Tiroler Freiheitskämpfe von 1809. So ist es für ihn, als er nach Abschluss seines Münchner Akademiestudiums sein erstes großes Historienbild gestaltet, selbstverständlich, ein Motiv aus diesem Themenkreis zu wählen: Ave Maria nach der Schlacht am Bergisel (1894–96; Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck).
Aus einem Briefwechsel mit seinem Münchner Malerfreund Zeno Diemer, der zur gleichen Zeit am großen Panoramabild mit der Schlacht am Bergisel für das Innsbrucker Rundgemälde arbeitet, geht hervor, dass Egger-Lienz ab Frühjahr 1894 das vielfigurige Gemälde in Angriff nimmt: „Morgen Montag, den 30. April, reise ich nachhause. Ich freue mich herzlich, an meine ernste Arbeit, die Studien, gehen zu können.“ Eine dieser Ölstudien, die der Maler in Windisch-Matrei, Virgen und Obermauern ausführt, ist der vorliegende, sowohl malerisch als auch in der Charakterisierung höchst subtile Trommler.

Mit sicherem Gespür für das Wesentliche sind Physiognomie und Ausdruck wiedergegeben: das noch jugendliche, aber bereits markante Gesicht mit der kräftigen Nase, der zum Gebet geöffnete Mund, die dunkelbraunen wachen Augen, die dunklen Augenbrauen und Haare, alles eingebettet in ein toniges, bräunliches Umfeld, aus dem nur der weiße Hemdkragen heraussticht, um die Bedeutung des Gesichts zu akzentuieren.
Im fertigen Bild hat der Maler den Trommler unmittelbar hinter dem Fahnenträger eingefügt, mit noch inbrünstigerem Ausdruck, mit dem er wie die anderen Tiroler Bauern Maria für die siegreiche Schlacht dankt.

Als das Ave Maria nach der Schlacht am Bergisel auf der Münchener Jahresausstellung 1896 gezeigt wird, hebt die Kritik neben der spannungsreichen Komposition stets auch den Realismus der Darstellung hervor, der über die erzählerischen Bilder zu 1809 Franz von Defreggers weit hinausgeht: „Das sind keine Bühnenbauern, die dem Publicum zu Liebe in ihrem sorgfältig geputzten Sonntagsrocke stecken, nein – die abgehärmten, vom Schlachtenmorde noch müden Leute sind‘s ohne Retouche, in schrecklicher Wahrheit“ (Bote für Tirol und Vorarlberg, 1896, Nr. 158, S. 1290). Dies gilt speziell auch für die vorliegende Studie des Trommlers, die gerade in ihrer gegenüber dem fertigen Bild mehr verhaltenen, unmittelbaren Auffassung eine besondere Ausstrahlung besitzt. (Carl Kraus)