Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

21. Juni 2017, 18:00 Uhr

0830

Christian Ludwig Attersee*

(Preßburg 1940)

„Erweiterte Nacht“
1998
Öl auf Leinwand; gerahmt
95 × 72 cm
Bezeichnet, signiert und datiert unten mittig: Erweiterte Nacht Attersee 98

Provenienz

Privatsammlung, Wien

€ 11.000

„Ich mache, was ich will, ob radikal oder nicht, entscheidet der Betrachter. Das ist das Wesen meiner Malerei: Alles kann alles sein. Der Inhalt kommt aus der Malerei.“ (Christian Ludwig Attersee. Pinselfresser. Tagebuch für einen Freund, Wien 2010, S. 42)

Die Formkreationen Christian Ludwig Attersees und seine fantasievollen, zahllosen Wortschöpfungen, mit denen er diese noch nie dagewesenen neugeschaffenen Paarwesen und Zwittergeschöpfe benennt, zeugen von einem unkonventionellen, schier überbordenden Geist. In seiner Welt gibt es nichts, was es nicht gibt, in seinen Bildern tummeln sich „Almjollen“, „Astkirchen“, „Türkatzen“ und „Wetterkerzen“, werden beschienen von einem „Vogelmond“ im „Wasserlicht“. Eier knospen, das Obst wird geküsst, ein Gipfel serviert, Fische werden zu Artisten und Frauenbeine und weibliche Brüste gehen wilde Kombinationen ein. Die Fantastereien entwickeln sich vor farbigen, „informell“ erscheinenden Gründen, die der Künstler als „Untergrund, als Dekoration für seine Gegenstandsvermischungen benutzt“ (Attersee. Werkverzeichnis. 1963 – 1994, Salzburg-Wien 1994, S. 31). Allgegenwärtig ist das Wetter, das Wasser in allen Aggregatzuständen, als Gischt, als Tropfen, und das Licht bei Tag und Nacht, voll Sonne und Mond. Die Naturerfahrungen, die der leidenschaftliche, am Attersee (dessen Namen er als künstlerisches Pseudonym wählte) aufgewachsene Segler macht, sind wohl auch prägend für sein malerisches Empfinden.

Als erstes die Farbe, aus der Farbe kommt eine Nachricht, die Ideen entspringen der Fantasie des Künstlers, jedes noch so kleine Ereignis, jede Begegnung, etwas Gelesenes können Ausgangspunkt für eine neue Bildfindung sein. Es tauchen in seinen Bildern deutbare Formen auf, die aber deformiert, umdefiniert, transfomiert werden. Frauenbrüste schweben wie Wolken vor einem grellgelben Grund. Stachelartige Auswüchse werden zu Zweigen und Armen, auf denen ein Vogel gelandet ist und ein Cocktailglas balanciert, in das jemand Dominosteine geworfen hat. „Erweiterte Nacht“ heißt das Werk, sind das Fledermäuse, die auf der oberen Brust gelandet sind, sind Brust und Cocktailglas Metaphern einer voller Sinnenfreuden gelebten Nacht, die bis zum Erklingen der ersten Vogelgesänge ausgekostet wurde? Christian Ludwig Attersee ist wohl jener Künstler, der die Lust am Leben, das Erotische, den Eros ohne Thanatos am meisten in den Mittelpunkt seines Schaffens gestellt hat. Dabei bricht er ständig mit dem Konventionellen, erschafft noch nie Dagewesenes mit einer Leidenschaft und Begeisterung, die ihn bis heute nicht verlassen hat.
(Sophie Cieslar)