Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

20. Juni 2017, 18:00 Uhr

0224

Egon Schiele

(Tulln 1890 - 1918 Wien)

„Sitzender Akt mit erhobenen Armen“
1914
Bleistift auf Papier
47 × 32 cm
Signiert und datiert rechts unten: Egon / Schiele / 1914

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

Jane Kallir hat das Blatt im Original begutachtet und die Echtheit bestätigt. Sie wird das Werk mit der Nummer D. 1555a in den Nachtrag ihres Werkverzeichnisses aufnehmen. Fotozertifikat von Jane Kallir, 19. Mai 2017, liegt bei.

€ 150.000

Egon Schiele gilt neben Oskar Kokoschka als wichtigster Wegbereiter des Expressionismus in Österreich. Ausgehend von einer Schönlinigkeit, die im Wiener Jugendstil verankert ist, geht es ihm zunehmend darum, die Abgründe menschlicher Existenz wirklichkeitsgetreu darzustellen und „auch der stärkeren Emotionalität willen, das Tragische und Hässliche in seine Bildschöpfungen“ (Rudolf Leopold, Egon Schiele. Gemälde. Aquarelle. Zeichnungen, Salzburg 1972, S. 6) mit einzubeziehen.

Nach seiner Zeit in Krumau und Neulengbach, die im Gefängnisaufenthalt in St. Pölten wegen „gröblicher und öffentliches Ärgernis verursachender Verletzung der Sittlichkeit oder Schamhaftigkeit“ endet, kehrt Egon Schiele im Herbst 1912 wieder nach Wien zurück. In dieser Zeit wendet sich der „genialste Zeichner aller Zeiten“ (Otto Benesch zit. in: Leopold S. 8) von einer „melodiös welligen“ Darstellung (Leopold, S. 252) ab und einem unmittelbareren und vehementeren Duktus zu. Die Körper werden auf stereometrische Grundformen reduziert, was letztendlich zu einer immer größeren Abstraktion führt.

1914, in dem Jahr, in dem der Künstler auch seine spätere Frau, Edith Harms, kennenlernt, ist der „Sitzende Akt“ entstanden. An dieser Bleistiftzeichnung kann man deutlich die stilistischen Änderungen in Richtung Geometrisierung erkennen. Die Figur wird aus längeren und vielen kürzeren Linien aufgebaut, wobei quergestellte Strichlierungen wie Nähte zum Zusammenhalt eingesetzt werden und Räumlichkeiten schaffen. Mit einem Minimum an Formen und einer Sicherheit im Strich, die ihresgleichen sucht, gelingt es Schiele, die sitzende Aktfigur zu charakterisieren. Zwei Halbkreise genügen, um Augenbrauen, Augenhöhle und den Schwung der Nase darzustellen. Die Haltung der Frau ist kunstvoll manieriert, die im rechten Winkel von sich gestreckten Arme hätte sie wohl kaum lange in dieser Position halten können. „Was Schiele an räumlicher Klarheit gewinnt, widerruft er durch eine mit der Signatur angeordnete Drehung des Blatts vom Quer- ins Hochformat. So wird aus der von der Seite gesehenen Liegenden eine niedersinkende Gestalt... die Arme sind rätselhaft über den Kopf erhoben: Bild eines Schwebezustands.“ (Klaus Albrecht Schröder, Egon Schiele, Ausstellungskatalog, Albertina, Wien 2005/2006, S. 308) Die Beine sind unterhalb der Knie vom Bildrand angeschnitten, dieses gleichsame Herausrücken über den linken Rand hinaus steht im Kontrast zur freigelassenen rechten Fläche und bringt zusätzlich Spannung ins Bild. Das maskenartige, im Wesentlichen aus einem Dreieck und einem Halbkreis geformte Gesicht und die puppenhafte Wirkung der Figur sind charakteristisch für die Arbeiten des Künstlers in dieser Zeit. (Sophie Cieslar)