Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

20. Juni 2017, 18:00 Uhr

0223

Gustav Klimt

(Wien 1862 - 1918 Wien)

„Liegender Halbakt mit angezogenem linken Bein“
1912/13
Bleistift, blauer und roter Farbstift auf Papier
36,9 × 56 cm
Nachlass-Stempel rechts unten (um 90 Grad gedreht)

Provenienz

aus dem Nachlass des Künstlers;
Otto Stoessl (1875-1936), bis 1936;
Franz Stoessl (1910-1988), danach in Besitz seiner Witwe Rudolfine Stoessl (1922-2013), noch zu deren Lebzeiten verschenkt an ein Familienmitglied des gegenwärtigen Eigentümers;
seither Privatbesitz, Österreich

Literatur

Alice Strobl, Gustav Klimt. Die Zeichnungen 1878-1903, Bd. III, Verlag Galerie Welz, Salzburg 1982, zum Vergleich: WV-Nr. 2320, 2321, 2326, Abb S. 55 sowie S. 57

Wir danken Frau Dr. Bisanz-Prakken für die freundliche Unterstützung.
Das Blatt wird in den Nachtrag des Werkverzeichnisses aufgenommen.

€ 240.000

In Klimts letzter Lebensphase war die Arbeit am allegorischen Gemälde Jungfrau (1913) von weitreichender Bedeutung. In einem blasenähnlichen Gebilde, das vor einem bräunlichen Hintergrund diagonal an der Bildoberfläche entlang zieht, wird die Titelfigur von sechs nackten, von bunten Tüchern umschlungenen Frauen dicht umgeben. Ebenso unterschiedlich wie ihre Körperstellungen geben sich ihre typologischen Merkmale, erotischen Stimmungen und Temperamente. Als Zeichner sollte Klimt sich mit diesem thematisch breit gefächerten Spektrum bis zu seinem Lebensende intensiv beschäftigen.

Die hier gezeigte, bisher unbekannt gebliebene Studie ist den von Alice Strobl so bezeichneten „Akt- und Halbaktstudien 1912/13“ zuzuordnen, die als autonome Arbeiten in einem weiteren Zusammenhang mit der Jungfrau entstanden sind (Alice Strobl, Gustav Klimt. Die Zeichnungen, Salzburg 1984, Bd. III, Nr. 2299 – 2333, vgl. insbesondere 2320, 2321, 2326 u.a.). Diese Blätter zeichnen sich durch vielfältige Experimente mit komplizierten, oft extremen Körperstellungen aus, durch die Klimt die verschiedenen Stadien des Entrücktseins erforscht. Ohne Zeit-und Raumbezug geben sich die jeweils einzeln dargestellten Frauen ihren erotischen Stimmungen hin. Anders als in seiner Malerei wagt Klimt sich in seinen Zeichnungen häufig an die detaillierte Wiedergabe der weiblichen Scham heran, die er – wie auch im vorliegenden Fall – emphatisch in den Mittelpunkt stellt.

Diese Arbeit ist von einer ausgewogenen Komplexität. Das seitlich liegende Modell gliedert sich in drei Raumschichten, die verschiedenen Empfindungsebenen zu entsprechen scheinen. Im Vordergrund ist alles in Erregung, vom kompliziert gedrehten Becken, dem „Laufschritt“ der gewinkelten Beine bis zur Wirbelbewegung der Draperie. Der wild strukturierte, durch blaue und rote Kringel bereicherte Textilteil lässt die nackte Haut noch heller hervorleuchten; umso zwingender wird der Blick des Betrachters auf die fast greifbar nahe Gesäßpartie und das dunkel akzentuierte Geschlecht gelenkt. In der mittleren Ebene leitet die verkrampft an die Brust gedrückte Hand, die innere Erregung signalisiert, zur dritten Stufe über – zum mysteriös verschlossenen Gesicht, dem Ruhepunkt der Komposition. Somit vereint die Dargestellte zwei Extreme in sich: verträumte Innenschau und extrovertierte Zurschaustellung, oder anders gesagt: Spiritualität und grenzenlose Lust. Diese Bipolarität kennzeichnet viele von Klimts späten Aktstudien und hebt sich in der vorliegenden Zeichnung dank der mitreißenden, subtil differenzierenden Linienführung zu einer rauschhaften Stimmung. Dabei wird der Eindruck eines trancehaften Schwebens durch den kaum vorhandenen Hinweis auf eine räumliche Disposition sehr wesentlich begünstigt.
(Marian Bisanz-Prakken)