Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

29. November 2016, 18:00 Uhr

0206

Egon Schiele

(Tulln 1890 - 1918 Wien)

„Mädchen mit roter Schleife im Haar“
1909
Bleistift und Farbstift auf Papier
37,5 × 27,5 cm
Monogrammiert rechts unten: ES
Links unten datiert (ligiert): 09
Bleistiftskizze rückseitig

Provenienz

in den 1960er Jahren bei der Galerie 61, Klagenfurt, erworben (laut Auskunft des Besitzers);
seither österreichischer Privatbesitz

Jane Kallir hat das Werk im Original begutachtet. Das Werk wird mit der Nummer D. 256a in den Nachtrag ihres Werkverzeichnisses aufgenommen. Gutachten von Jane Kallir, 10. Juni 2016, liegt bei.

€ 175.000

1909 ist ein wichtiges Jahr für den neunzehnjährigen Schiele. Er verlässt die Akademie und gründet mit Gleichgesinnten die “Neukunstgruppe”, im gleichen Jahr ist er auf der “Internationalen Kunstschau” in Wien mit vier Werken vertreten. Erstere stellt im Kunstsalon Pisko aus, wo Schiele den Schriftsteller und Kunstkritiker Arthur Roessler kennen lernt, der ein großer Förderer seiner Arbeit wird und ihn mit wichtigen Sammlern bekannt macht. Ebenfalls in diesem Jahr lernt Schiele Josef Hoffmann kennen und beginnt, für die Wiener Werkstätte zu arbeiten.
1907 trifft Schiele auf Gustav Klimt, der das Talent des jungen Künstlers erkennt und ihn neidlos fördert. In den Jahren 1908-1910 überwindet Schiele den erlernten akademischen Stil und der Einfluss seines verehrten Förderers Klimt wird deutlich. Schiele übernimmt den flächig-ornamentalen Stil des älteren Künstlers, was in dem rosa getupften Kleid des kleinen Mädchens mit roter Schleife gut erkennbar ist. Dennoch sind bereits Ansätze der späteren, expressiven Malweise deutlich: Die überlangen Finger der linken Hand des Mädchens sind eigentümlich weggespreizt und wollen nicht ganz zu der süßen, wenn auch ernsten Kindergestalt passen. Wenn auch hier nur im zarten Ansatz der Bleistiftzeichnung sichtbar, so werden gerade die vergrößerten, knochigen Hände, auf späteren Gemälden oft in angespannt-verkrampfter Haltung oder mit verschlungenen oder weit auseinandergestreckten Fingern, zu einem typischen Merkmal Schieles.
Den Verzicht auf Raumillusion wird Schiele vor allem in seinen Zeichnungen sein Leben lang beibehalten, die einzige Ausnahme bilden Textilien wie Tücher oder Laken, die er zur Rhythmisierung seiner Figuren verwendet und um sie von dem hellen Blatthintergrund abzusetzen. Auch das Fehlen der Beine des Kindes, das man sich hier noch durch eine Hockhaltung unter dem Kleid erklären könnte, wird in späteren Werken häufiger vorkommen, wenn Schiele Arme oder Beine bewusst nicht fertig ausführt um eine abgeschlossene Kontur beizubehalten. Es handelt sich hier um ein schönes Beispiel für eine Zeit, in der Schiele einerseits noch stark dem Stil der Sezession und Gustav Klimt huldigt, erste Merkmale seiner späteren, expressiven Handschrift aber bereits deutlich werden. (Ina Waldstein)