Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

29. November 2016, 18:00 Uhr

0208

Egon Schiele

(Tulln 1890 - 1918 Wien)

„Frauenakt“
1914
Bleistift auf Papier
48 × 31,7 cm
Signiert und datiert unten mittig: Egon Schiele 1914

Provenienz

Kornfeld & Klipstein, Bern (1957-1958);
Privatsammlung, Schweiz;
Christie's London, 10. 12. 1997, Nr. 280;
Sotheby's London, 25. 06. 2002, Nr. 162;
Privatbesitz Wien;
im Kinsky Wien, 11. 10. 2005, Nr. 174;
europäische Privatsammlung

Literatur

Jane Kallir, Egon Schiele. The Complete Works, New York 1990, WV- Nr. D. 1557, Abb. S. 529

€ 260.000

Egon Schiele war 24 Jahre alt, als er virtuos und mit markantem, lockeren Strich dieses Blatt zeichnete. Voller Raffinement stellt er die Figur in das mittelgroße Papierformat, das er bis an die Ränder hin strapaziert. Kopf, Ellenbogen und Kniescheiben bilden die fünf kompositorischen Angelpunkte einer erotischen Darstellung, die einen wesentlichen Teil ihrer Wirkung aus ihrer Skizzenhaftigkeit gewinnt.
Dabei bedient sich der Künstler eines lockeren, Kopf und Oberkörper umspielenden, umkreisenden Strichs, dessen Andeutungen und schnelle Fixierungen pointiert genug sind, um auch die Komplexität einer derartigen Zeichnung eindringlich und spezifisch zu erfahren.
Die charakteristische Intensität der an der Befindlichkeit des Menschen orientierten Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde des in jeder Phase seines Oeuvres hart an sich Arbeitenden geht der zarten Bleistiftzeichnung in keiner Phase ab.
1914, im Jahr ihres Entstehens, war Egon Schiele bereits in der Mitte seines Schaffens. Er war selbstbewusst genug, um zu wissen, was er als am Menschen orientierter Ausdruckskünstler mit Glaubwürdigkeit zu leisten imstande war. Die Bandbreite seiner kompositionellen Wagnisse war besonders groß und seine auf alle Lebensbereiche bezogene, an den wesentlichen Konfliktsituationen geschulte Körpersprache bereits am Höhepunkt. Die Intensität expressionistischen Ausdrucks erfährt bei ihm nicht nur eine neue Ausformung, sondern auch eine ungemein persönliche Radikalität und Wahrhaftigkeit. Auch das belegt diese - heute schon mehr als 100jährige - Zeichnung in einer Art und Weise, die an Zeitgemäßheit und Richtigkeit nichts eingebüßt hat. (Peter Baum)