Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

07. Juni 2016, 18:00 Uhr

0372

Richard Gerstl

(Wien 1883 - 1908 Wien)

„Obstgarten (Kleines Gartenbild)“
Sommer 1907
Öl auf Leinwand
35 × 34 cm

Provenienz

aus dem Nachlass des Künstlers;
Otto Kallir-Nirenstein, Neue Galerie, Wien;
Galerie Würthle, Wien;
Privatbesitz, Wien

Ausstellung

1931 Wien, Neue Galerie, Erste Richard-Gerstl-Ausstellung, 28. Sept. -8. Nov., Nr. 15;
1964 Wien, Historisches Museum der Stadt Wien, Secession und Künstlerhaus, Wien um 1900, Nr. 21;
1966 Wien/Innsbruck, Secession Wien/Tiroler Kunstpavillon, Richard Gerstl, Nr. 28;
1971 Bregenz, Nr. 31;
1971 London, Royal Academy, Vienna Secession, Nr. 78;
1983 Edinburgh, National Museum of Antiquities, Vienna 1900. Vienna, Scotland and the European Avantgarde, Nr. 3.36;
1983/84 Wien, Historisches Museum der Stadt Wien, Richard Gerstl. 1883-1908, Nr. 25, Taf. 15;
1986 Wien, Historisches Museum der Stadt Wien, Otto Kallir-Nirenstein. Ein Wegbereiter österreichischer Kunst, Nr. 147, Abb. S. 67;
1992 New York, Galerie St. Etienne, Richard Gerstl. Oskar Kokoschka, Taf. 2;
1993 Wien, Kunstforum Bank Austria, Richard Gerstl 1883-1908, 21. Sept. - 28. Nov., Nr. 31;
1994 Zürich, Kunsthaus, 25. März - 23. Mai, Nr. 31

Literatur

Otto Kallir, Richard Gerstl (1883-1908). Beiträge zur Dokumentation seines Lebens und Werkes mit einem Nachlassverzeichnis, Nr. 15, S. 152 (Titel dort: "Kleines Gartenbild"), in: Mitteilungen der Österreichischen Galerie, 1974, S. 125-193;
Klaus Albrecht Schröder, Richard Gerstl 1883-1908, Katalog Kunstforum Bank Austria, Wien 1993, Kat.-Nr. 31, Abb. S. 102;
Otto Breicha, Richard Gerstl. Die Landschaften, Salzburg 1996, Taf. 5, Abb. S. 33

Schätzpreis: € 250.000 - 500.000
Ergebnis: € 530.000
Auktion ist beendet.

Richard Gerstl nahm eine künstlerische Vorreiterrolle in der Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts ein. Seine Bilder gehören zu den frühesten Zeugnissen des österreichischen Expressionismus. Bedingt durch seinen Freitod im Jahre 1908 im Alter von 25 Jahren hinterließ Gerstl ein relativ kleines Oeuvre, nur etwa 80 Arbeiten sind dokumentiert.

Gerstl wurde am 14. 9. 1883 in Wien geboren. Seine erste malerische Ausbildung erhielt er an der Akademie der bildenden Künste von Oktober 1898 bis Sommer 1901. Außerdem besuchte er in den Sommermonaten die Kurse des ungarischen Malers Simon Holòsy in Nagybànya. 1904/05 bezog er ein gemeinsames Atelier mit seinem ehemaligen Klassenkollegen Viktor Hammer. Der als fortschrittlich geltende Maler Heinrich Lefler sah 1906 bei Viktor Hammer Gerstls Doppelbildnis der Schwestern Fey und lud ihn daraufhin ein, in seiner „Spezialschule für Malerei“ an der Wiener Akademie das Studium wieder aufzunehmen. 1906 schloss Gerstl Freundschaft mit Arnold Schönberg und dessen Frau Mathilde. Er verbrachte die Sommermonate der Jahre 1907 und 1908 gemeinsam mit den Schönbergs in Traunstein am Traunsee. Nachdem Gerstl ein leidenschaftliches Verhältnis mit Arnold Schönbergs Frau begonnen hatte, kam es jedoch zum Eklat. Mathilde Schönberg verließ Gerstl schon nach kurzer Zeit wieder. Gerstl verlor nach diesem Skandal nicht nur seine Geliebte sondern auch seinen engen Freundes- und Bekanntenkreis. In der Nacht vom 4. auf den 5. November 1908 erhängte er sich in seinem Atelier. Den Erzählungen seines Bruders Alois Gerstl zufolge soll der Künstler kurz davor zahlreiche Werke vernichtet haben.

Nach seinem Selbstmord ließ die Familie des Künstlers die im Atelier verbliebenen Arbeiten in Kisten verpacken und bei einer Speditionsfirma einlagern. 1931 bot Alois Gerstl dem Kunsthändler Otto Nirenstein die Werke aus dem künstlerischen Nachlass seines Bruders zum Kauf an. Jahre später beschrieb Kallir-Nirenstein den Beginn seiner Wiederentdeckung des jung verstorbenen Künstlers, der sich zu Lebzeiten geweigert hatte, seine Werke auszustellen: "So ging ich mit ihm (Alois Gerstl) in das Lagerhaus der Firma Rosin & Knauer und fand dort eine große Anzahl von meist unaufgespannten, gerollten oder zusammengefalteten Leinwanden, die 23 Jahre in Kisten aufbewahrt worden waren. Zwar war vieles durch die unfachgemäße Art der Aufbewahrung beschädigt, die Leinwanden oft geknickt, manche Bilder sogar in Teile zerschnitten, alle schmutzig und verstaubt, sodass man Farben kaum erkennen konnte, trotzdem war der Eindruck der ersten Begegnung mit dem Werk des unbekannten Malers ein außerordentlich starker." (Kallir 1974, S. 125) Nirenstein erwarb den künstlerischen Nachlass Gerstls und bemühte sich, die Schäden, die durch die lange Lagerung der Werke entstanden waren, zu beheben. Er begann auch mit der dokumentarischen Aufarbeitung des Oeuvres und legte ein Verzeichnis der Bilder und Zeichnungen an. Für jede Arbeit fand er einen Titel und vergab eine Nummer, unter der sie in das Verzeichnis aufgenommen wurde. Für unser Landschaftsbild wählte er den Titel "Kleines Gartenbild", in seinem Werkverzeichnis wird das Bild als Nr. 15 aufgelistet. Ende September 1931 eröffnete Nirenstein in seiner Neuen Galerie in Wien eine erste Gerstl-Ausstellung, bei der auch das "Kleine Gartenbild" gezeigt wurde. In veränderter Zusammenstellung wanderte die Schau in den Jahren 1932 bis 1935 auch nach München, Berlin, Köln, Aachen und Salzburg. "Der Erfolg war ein ganz außerordentlicher. Das Erstaunen darüber, dass das Werk eines so besonderen Künstlers so lange unbekannt bleiben konnte, mischte sich mit uneingeschränkter Bewunderung. (…) Nicht nur in Wien begeisterte man sich für Richard Gerstl; sein Name war mit einem Mal auch außerhalb Österreichs bekannt geworden." (Kallir 1974, S. 132f.)
Viele Bilder des Nachlasses wurden schließlich von der Wiener Galerie Würthle erworben. Im Jahr 1966 fand eine Ausstellung aller damals erreichbaren Bilder in der Wiener Sezession und im Anschluss daran im Tiroler Kunstpavillon in Innsbruck statt. Aus Anlass des 100. Geburtstages des Künstlers organisierte das Historische Museum der Stadt Wien 1983/84 eine zusammenfassende Ausstellung. Die letzte große Personale wurde 1993 im Kunstforum der Bank Austria in Wien und anschließend im Kunsthaus Zürich gezeigt.

Als Gerstl den Sommer 1907 am Traunsee verbrachte, entdeckte er für sich die Freilicht- und Landschaftsmalerei als wichtiges Thema. Die Wiesen und Gärten nahe der Fera-Mühle, einem Bauernhof in Traunstein bei Gmunden, wo er wohnte, boten ihm anregende Motive für das Malen in der Natur. In einem fast quadratischen Format und extrem nahsichtig gibt Gerstl auf unserem "Kleinen Gartenbild" einen Naturausschnitt wieder, dessen Bildwirkung von der Farbe und einem äußerst bewegten Pinselduktus bestimmt wird. Der Farbklang des Bildes ist auf reich nuancierte Grüntöne abgestimmt, wobei das dominierende Grün durch einzelne Farbakzente wie das Gelb auf der sonnenbeschienenen Wiese und bläuliche Pinselstriche im Laubwerk bereichert wird. Die Landschaftsauffassung, bei der es nicht um die perspektivische Bildkonstruktion geht, sondern um die unmittelbare Wirkung eines dynamisierten ungestümen Farbauftrags, erinnert an Van Goghs Unterholz-Bilder. Ein Gemälde dieser Serie konnte Gerstl bei der großen Van Gogh-Ausstellung in der Galerie Miethke 1906 sehen. Wohl in Auseinandersetzung mit Van Gogh findet Gerstl in seinen Traunsee-Landschaften zu einer besonderen Unmittelbarkeit und Spontaneität des künstlerischen Ausdrucks.

"Das, was seine (Gerstls) Kunst im Grunde ausrichtet, der starke Drang ins Aussagende, mündete in eine neue Unmittelbarkeit. Das auf seelischen Ausdruck Abzielende seiner Bildnisse und Porträts entspricht in den Landschaftsdarstellungen dem Versuch, das Bildgeschehen auf das 'Erleben' eines Motivs einzustimmen. (…) Dafür erschien die impressionistische Fleckenstruktur bald zu methodisch und umständlich. (…) Sie wird zunehmend von Wirbeln, Schleifen und Farbsträhnen ersetzt und einem Pinselrhythmus überantwortet, welcher die Ausdruckskunst Gerstls wesentlich mitbestimmt. (…) Richard Gerstl hat in diesem Sinne bereits quasi-expressionistisch gemalt, als die anderen Protagonisten des österreichischen Expressionismus, Kokoschka und Schiele, noch überaus im Jugendstil des Wiener Secessionismus befangen waren." (vgl. Otto Breicha, Richard Gerstl. Die Landschaften, Salzburg 1996, S. 15f.) (CMG)