Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

07. Juni 2016, 18:00 Uhr

0202

Carl Moll

(Wien 1861 - 1945 Wien)

„Vor dem Frühstück“
1896
Öl auf Leinwand
91,5 × 72 cm
Signiert und datiert links unten: C. Moll 1896

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

Das Gemälde wurde von Cornelia Cabuk für das Werkverzeichnis Carl Moll in der Reihe der Belvedere Werkverzeichnisse dokumentiert.

€ 70.000 - 140.000

Das Interieur nimmt im Schaffen Carl Molls eine wichtige Stellung ein und findet sich in allen wesentlichen Werkphasen; seien es reich gedeckte, festliche Tafeln, Szenen aus dem Atelier oder seinem Haus auf der Hohen Warte, aber auch Einblicke in Kirchenräume oder Fabrikhallen. Für die Herausformung dieses Typus waren die Sommeraufenthalte des Künstlers 1893 bis 1895 in Norddeutschland von großer Bedeutung. In Lübeck lernte er den deutschen Maler Gotthardt Kuehl kennen. Dieser hatte, in Paris geschult, schon früh die Prinzipien des französischen Impressionismus nach Deutschland gebracht. Bekannt war er vor allem auch durch seine fein gemalten Interieurs, in denen er an die Tradition der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts – man denke an die großartigen Bilder Jan Vermeers – anknüpfte und sie stilistisch mit der Malweise des französischen Impressionismus verband.

Carl Moll, aus der Schule Emil Jakob Schindlers und somit des österreichischen Stimmungsimpressionismus kommend – er zählt ja neben Marie Egner, Tina Blau, Olga Wisinger-Florian, Theodor von Hörmann und Hugo Darnaut zu den Mitgliedern der Schule von Plankenberg, benannt nach dem Schloss, das Schindler ab 1885 gemietet hatte –, kann hier auf seinem Weg zum Secessionismus perfekt anknüpfen. „Vor dem Frühstück“ ist in einer Phase entstanden, in der sich Moll vom übermächtigen Einfluss seines Mentors Schindler befreit hat und bereits an der Schwelle zum Jugendstil steht. In dieser Entwicklungsphase spielen die Interieurs eine wesentliche Rolle. Er will „aus Hoffmanns kühlen Interieurs Ver Meer’sche (sic) Meisterwerke gestalten können“ (G. Tobias Natter, Gerbert Frodl, Carl Moll (1861 – 1945), Wien – Salzburg 1998, S. 13).

Reizvoll ist der Kontrast des dunklen Innenraumes zu dem hellen, von der Morgensonne beschienenen Garten. Deutlich ist der Einfluss Gotthard Kuehls zu sehen, der auch in seinen Kompositionen bewusst das Streif- und Gegenlicht einsetzt, das wir schon aus der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts kennen. Als einzige Lichtquelle im Raum nehmen wir den von der Sonne ausgeleuchteten, grün bewachsenen Hof wahr. Eine junge Frau mit weißer Schürze, wohl ein Dienstmädchen, trägt ein Tablett. Sie ist auf dem Weg ins Freie, um den Frühstückstisch für die Herrschaften zu decken. Lichtreflexe lassen einzelne vergoldete Gegenstände wie Wandspiegel mit Kerzenhaltern und eine Standuhr im Halbdunkel aufleuchten. Rechts führt eine Treppe ins Obergeschoss, links steht ein kleines Tischchen mit weißem Tuch an der Wand. Die Bodenfliesen gliedern die relativ große, leergelassene Fläche im Vordergrund mit ihrem geometrischen Muster. Im Gegensatz zur Kargheit des Vorraums leuchtet die üppige Pracht des Innenhofs durch die Scheiben des großen Fensters und die halbgeöffnete Türe. Man kann drei weitere Personen durch das Glas erkennen. Zwei davon sitzen und haben sich einer in ihrer Mitte stehenden Frau zugewandt. Das Bild ist von einer Atmosphäre der Geborgenheit und Ruhe geprägt, die allen Interieurs Carl Molls zu eigen ist. (Sophie Cieslar)