Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

26. November 2013, 17:00 Uhr

0532

Franz Sedlacek*

(Breslau 1891 - 1945)

„Ansicht von Kitzbühel“
1923
Mischtechnik auf Papier
24,4 × 38,5 cm (Passep.-Ausschn.), 28,8 × 39,8 cm (Blattgröße)
Monogrammiert und datiert rechts unten: fs 1923

Provenienz

Privatbesitz, Österreich

€ 18.000 - 35.000

Im neuen Werkverzeichnis von Franz Sedlacek, erschienen 2011 in der editionen Reihe unseres Auktionshauses, findet sich bei den Ölgemälden kein Bild mit einer topographisch gesicherten Stadtansicht; nur in Aquarell bzw. Mischtechnik wie dem vorliegenden Blatt sind, wenn auch selten, erkennbare Ortbilder bekannt. 1923 hat sich Sedlacek in Kitzbühel aufgehalten und diesen Ort mit seiner malerischen Baustruktur festgehalten. Bezeichnend für diese frühe Werkperiode ist die erkennbare zeichnerische Grundfassung – Sedlacek begann ja als Graphiker – und die noch verhaltene, wenn auch bereits sehr ausgewogene Farbgebung. Er hatte Anfang 1920 soeben sein Studium der technischen Chemie vollendet, sich aber gleichzeitig eine genaue Kenntnis der Malerei, sowohl der Alten Meister im Kunsthistorischen Museum wie der Zeitgenossen geschaffen. Es wundert daher nicht, dass diese Ansicht von Kitzbühel an Stadtansichten Schieles erinnert, wie er sich vergleichsweise in diesem Jahr auch mit Pieter Breughel auseinandergesetzt hat.

Sedlacek aber ist kein Nachahmer sondern Analyst und filtert das für ihn Wesentliche aus Vorbildern heraus. So verändert er in dieser Ansicht weder Perspektiven noch verzerrt er die Proportionen, wie der expressive Schiele, sondern saugt alles ab, was den zweifellos malerischen Anblick der Kitzbühler Stadtshilouette ins idyllisch Süssliche kippen würde. Der Maler Sedlacek geht ähnlich subtil vor wie ein Chemiker, der nur wenige Substanzen verändern muss, um eine ganz andere Wirkung zu erzielen. Der grauen Farbe der Dächer mengt er so eine Spur Blau bei, er lässt die Schatten weg, den stimmungsvollen Lichteinfall, streicht den Pinsel in glatten, aber sichtbaren Bahnen über die Flächen. Und plötzlich irritiert diese Ansicht, bekommt etwas Geheimnisvolles, Unheimliches, um gleich wieder durch das Fehlen eines Himmels und der anderen Stadtstruktur spielerisch an Ausschneidefiguren für Spielstädte aus Papier zu erinnern. Sedlacek war nicht nur ein Virtuose der Malerei und der Sprache, er war auch ein Virtuose im Umgang mit den verschiedenen Bedeutungsebenen eines vertrauten Anblicks. Und daher wird auch der zweite Blick nicht genügen, um dieses so harmlos schöne Bild von Kitzbühel in seiner Tiefe und Symbolik zu begreifen. (MHH)