Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

30. Juni 2022, 17:00 Uhr

2216

A. R. Penck*

(Dresden 1939 - 2017 Zürich)

„La crisi del golfo 2 (The Gulf crisis 2)“
1990
Acryl auf Karton auf Holz; gerahmt
100 x 122 cm
Signiert und bezeichnet unten mittig: ar. penck LK DG 2
Rückseitig Sammlungsstempel (Collezione Setti)

Provenienz

Galleria Cleto Polcina, Rom;
Sammlung Paolo Setti, Modena;
Dorotheum Wien, 25.11.2020, Lot 239;
Privatsammlung, Wien

Ausstellung

Scuderie Palazzo Aragona, XLIII Premio Vasto, Memoria e creatività. I mille occhi della Sfinge, 23. Juli - 7. November 2010

Literatur

Memoria e creatività. I mille occhi della Sfinge, Ausstellungskatalog, Vasto, Scuderie Palazzo Aragona, XLIII Premio Vasto, 23. Juli - 7. November 2010, Abb. S. 101;
Segno, Zeitschrift für Zeitgenössische Kunst, Nr. 100, Umberto Sala Editore, Pescara Januar 1991, Abb. o.S.

Schätzpreis: € 25.000 - 50.000
Ergebnis: € 20.000
Auktion ist beendet.

Der dreimalige Documenta-Teilnehmer (1972, 1982 und 1992) A. R. Penck, eigentlich Ralf Winkler, startet seine künstlerische Laufbahn in der damaligen DDR. Nachdem er schon früh äußerst fortschrittlich und kompromisslos arbeitet, wird er weder an den einschlägigen Kunsthochschulen in Dresden oder Ostberlin aufgenommen, noch kann er sich dem Verband bildender Künstler anschließen. 1968 nimmt der vielseitig interessierte Künstler das Pseudonym „A.R. Penck“ an, eine Hommage an den renommierten Geologen und Eiszeitforscher Albrecht Penck. 1980 wird der Künstler ausgebürgert und siedelt nach Westdeutschland. Die Kunstszene in dieser Zeit ist von den „Neuen Wilden“ geprägt, zu deren Gründervätern Penck gezählt wird. Mit einer farbenfrohen, expressiv-abstrakten aber auch sinnlich-gegenständlichen Malerei treten die jungen Künstler gegen die zu kopflastige Kunst der 1970er Jahr auf, aber auch gegen die wohlstandsbedingte Apathie der 1980er Jahre. Es geht um nicht weniger als die Demontage des traditionellen Kunstbegriffs. Neben Penck gehören Rainer Fetting, Helmut Middendorff, Elvira Bach, Salomé, Jiri Geord Dokoupil und Martin Kippenberger zu den prominentesten Vertretern dieser Kunstrichtung.

Beginnend mit den 1980er Jahren bekommt der Künstler endlich die öffentliche Anerkennung, die ihm im ehemaligen Osten versagt geblieben ist. Den vorläufigen Höhepunkt bildet die Berufung als Professor für Malerei an die Kunstakademie Düsseldorf 1988. Er ist zu der Zeit mit seiner charakteristischen Bildsprache bereits weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Es sind Werke voll symbolhafter Kürzel, die an Höhlenmalerei, asiatische Kalligrafie oder Graffiti erinnern. Er selbst verweist auf diese Inspirationsquellen und will in den von ihm so bezeichneten „Standart-Bildern“ – eine Kombination aus Standard und dem englischen Wort für Kunst – allgemein verständliche, universelle Kunst schaffen, die jedem zugänglich ist. Die Farbigkeit reduziert er auf Grund- und Komplementärfarben, kombiniert mit der in Schwarz gehaltenen charakteristischen Zeichensprache.

Vorliegendes Bild „La crisi del golfo 2“ stammt aus einer dreiteiligen Serie, die zu Beginn des zweiten Golfkriegs entstanden ist. Im August 1990 erobert und annektiert der Irak Kuwait. Hunderte ausländische, darunter viele deutsche Geiseln wurden nach dem irakischen Überfall in Kuwait als menschliche Schutzschilde an strategisch wichtigen Punkten festgehalten. Im November reist der deutsche Ex-Kanzler Willy Brandt nach Bagdad um mit dem Diktator Saddam Hussein über deren Freilassung zu verhandeln und kann 175 Geiseln aus elf Ländern nach Deutschland ausfliegen, bevor die USA und ihre Alliierten ihre Befreiungsoffensive starten. Schwarze Zeichen, mit breitem Pinselstrich vor blaue und grüne Farbfelder gesetzt, bilden die dominante vordere Bildebene. Man versucht die Zeichen zu deuten, wie die Schrift einer fremden Kultur zu lesen. Links ein schneckenartig gewundener Stab, der an einen Bischofsstab erinnert. Er könnte als Zeichen der westlichen Kultur stehen, die hier voller Wucht auf die arabische Welt trifft. Rechts davon erwächst ein blumenähnliches Gebilde einem Kreis. Dankesblumen für den Geiselbefreier oder doch ein Vorbote auf die Pilzwolken, die die einschlagenden Bomben erzeugen werden. Das Bild wirkt fröhlich und bunt, aber der Schein trügt. Der Künstler ist sich der hochexplosiven Situation bewusst und übersetzt die Stimmung der Zeit gekonnt in Bildform.

(Sophie Cieslar)