Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

08. Juli 2021, 14:00 Uhr

2034

Rudolf Wacker

(Bregenz 1893 - 1939 Bregenz)

„Gasse“
1928
Öl auf Karton
65 x 50 cm
Monogrammiert und datiert rechts unten: RW / III 28 sowie links unten: RW / III 28 (geritzt)
Rückseitig auf Karton eigenhändig bezeichnet: B 50 H 65 / R. Wacker / Lindau / 1928 / "Gasse"
Rückseitig Eigentumsvermerke von fremder Hand

Provenienz

Gertrud Gaßner (bis Weihnachten 1960);
Anneliese Gaßner (1960 als Geschenk von ihrer Mutter Gertrud erhalten);
österreichischer Privatbesitz

Literatur

Max Haller, Rudolf Wacker 1893 - 1939. Biografie mit dem Oeuvre-Katalog des malerischen Werkes, Lustenau 1971, WV-Nr. 85 (ohne Abb.)

€ 45.000

Städtebilder nehmen einen wichtigen Platz im künstlerischen Schaffen Rudolf Wackers ein. Die pittoresken Altstädte seiner näheren Umgebung, Bregenz, Lindau und Goslar, mit ihren Fachwerkhäusern, ihren Türmen und spitzen Giebeln boten ihm einen reichen Motivfundus. Zudem stieß die malerische Wiedergabe von heimischen Winkeln und Gassen bei den Bürgern der Städte auf Kaufinteresse. Wacker malte jedoch nicht das pulsierende Leben des urbanen Alltags wie so viele andere Künstler der Moderne. Das bewegte Menschengewirr der Stadt spielte für ihn als Bildthema keine Rolle, ebensowenig wie der Verkehr oder andere Zeichen der modernen Technik. Er suchte vielmehr unspektakuläre, auch teils unansehnliche Motive und malte eher trostlos wirkende Hinterhöfe, alte Häuser oder enge Gassen.

Der Blick in eine schmale Gasse in Lindau mit abbröckelnden Hausmauern und einem vereinzelten Kind in rot leuchtendem Kleid ist ein nostalgisch-wehmütiger. Aus den alten, dunklen Fassaden und der in grau-braunen Tönen wiedergegebenen Straßenflucht sticht als leuchtender Farbakzent das rote Kleid des blonden Kindes hervor. Frontal dem Betrachter zugewandt, fungiert das einsame, verloren wirkende Kind als Identifikationsfigur, während der tiefenperspektivische Zug der titelgebenden Gasse in ein ungewisses Dunkel eines Durchgangs führt. Ganz oben geben die alten, verschachtelten Häuser mit ihren ziegelroten Dächern ein Stück des blauen Himmels frei und das von rechts kommende Sonnenlicht legt sich wärmend auf die links aufragende Hausmauer mit rotem Kamin.
Wackers Städtebilder mit alten Fassaden voller Risse und Sprünge thematisieren die Brüchigkeit der modernen Lebenswelt und sind als Reminiszenz an eine längst vergangene Idylle lesbar: "…Unsere Zeit ist wahrlich nicht idyllisch. - Wenn Idyllisches dargestellt wird, kann es nicht ohne kritschen Abstand geschehen, wir selbst können nicht mehr in der Idylle sein. Wir stellen sie noch fest, in irgendeinem Winkel, als Rest, als Vergehendes, Vergangenes, - mit einer Spur von Traurigkeit im Herzen, mit etwas Spott im Kopfe, mit Sinnen die darüber weg in die Ferne denken." (Rudolf Wacker, Tagebuchnotiz, 8. 4. 1932)

Das Interesse für vernachlässigte Stadtteile und vom Zerfall bedrohte Orte teilt Rudolf Wacker in den späten zwanziger und dreißiger Jahren mit seinen Malerkollegen der Neuen Sachlichkeit.
(Claudia Mörth-Gasser)