Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

17. Dezember 2020, 17:00 Uhr

1876

Renate Bertlmann*

(Wien 1943)

„Tranquilizer“
2019
Muranoglas
110 x 51 cm
Händisch nummeriert, monogrammiert und datiert (graviert): AP 3/3 R.B. 2019
Dieses Exemplar ist die Nummer AP 3/3.
Auflage: 4 + 3 AP

Provenienz

Privatsammlung, Deutschland

Mit einem Zertifikat des Herausgebers.

Schätzpreis: € 15.000 - 30.000
Ergebnis: € 15.000
Auktion ist beendet.

„Die Ästhetik meiner Arbeiten führt in eine Falle“, warnt Renate Bertlmann (https://www.collectorsagenda.com/de/in-the-studio/renate-bertlmann, zugegriffen am 22.10.2020). Hinter oberflächlicher Schönheit verbirgt sich die Kritik an sexueller Ausnutzung und an der Objektivierung der Frau. Diese wird auf ihre Rolle als Sexobjekt und Gebärmaschine reduziert und so, in ihr zugewiesenen Rollenbildern eingeengt, ihrer Würde beraubt.

Der Schnuller – ein Objekt das hier wohl auch im übertragenen Sinn für ein probates Mittel zum Ruhigstellen steht – taucht ab 1975 in Arbeiten wie „Messerschnullerbrett“ oder „Schnullersäule“ auf. Der in Glas gefertigte Riesentranquilizer bezieht sich motivisch auf die Installation „Rosemarie’s Baby“ von 1983 und ist anlässlich der Biennale di Venezia 2019, jenem Jahr in dem Bertlmann den österreichischen Pavillon mit ihrem Messerrosen bespielte – entstanden. In der Installation von 1983 bezieht sich die Künstlerin auf den gleichnamigen Film von Roman Polanski, der 1968 den Durchbruch der Schauspielerin Mia Farrow, der Darstellerin der Rosemarie, bringt. Diese zieht jungverheiratet mit ihrem Mann Guy in ein unheimliches Haus. Die Nachbarn, Satanisten, versprechen diesem eine erfolgreiche Karriere als Schauspieler, wenn er seine Frau vom Teufel schwängern lässt. Die betäubte Rosemarie glaubt zunächst an einen Alptraum. Der Film ist vor allem aus feministischer Sicht äußerst interessant, setzt er sich doch sehr kritisch mit den klassischen Rollenbildern auseinander und zeigt die Rechtlosigkeit der Ehefrauen in den 1960er Jahren drastisch auf. Rosemarie ist den patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen machtlos ausgeliefert und hat keine Verfügungsgewalt über den eigenen Körper. Der große Schnuller, dessen Symbolgehalt auch 2019 noch Brisanz hat, steht als Sinnbild der in einem vorgegebenen Rollenbild gefangenen Frau, und ist gleichzeitig von berückender, skulpturaler Ästhetik.
(Sophie Cieslar)