Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

17. Dezember 2020, 17:00 Uhr

1690

Ernst Fuchs*

(1930, Wien - 2015, Wien)

„Versuchung des Heiligen Antonius“
1949
Mischtechnik auf Karton; gerahmt
75 x 107 cm
Ausstellungsetiketten rückseitig

Provenienz

Vom Künstler an Manfred von Mautner-Markhof;
Privatbesitz, Wien

Ausstellung

1960 London, The Arts Council of Great Britain "Austrian Painting and Sculpture 1900-60", Kat. Nr. 39 (Etikett verso);
1979 Dortmund, Museum am Ostwall, "Wiener Schule", 7.10. - 2. 12. 1979, Kat.-Nr. 65 (Etikett verso);

Literatur

Ausstellungskatalog, Ernst Fuchs, Monaco 2001, Abb. S. 95.

€ 75.000

Im Jahr 1949 besucht Ernst Fuchs, Mitbegründer der Schule des Phantastischen Realismus, noch die Malerklasse von Albert Paris Gütersloh an der Wiener Akademie. Im selben Jahr beteiligt er sich an der ersten internationalen Ausstellung des Wiener Art Club in Turin und hat seine erste Einzelausstellung in Paris.1950 wird er dorthin ins Zentrum des Surrealismus ziehen und Jean Paul Sartre, Jean Cocteau und Salvador Dali kennenlernen, Bewunderer seines außerordentlichen Zeichentalents. In seinem Frühwerk bedient Fuchs sich thematisch der jahrhundertealten christlichen Ikonografie, die ihm dazu dient „einen kollektiven Bezug zur Bildwelt“ (Agnes Husslein-Arco (Hg.), Phantastischer Realismus, Ausstellungskatalog, Belvedere, Wien 2008, S. 21) mittels tief im Unterbewussten verankerter „Urbilder“ zu schaffen.

„Zehn Jahre lang lebte ich in wahnsinnsähnlichen Zuständen, hatte unbeschreibliche Angstträume, und oftmals ergriff mich der Wunsch, im Abgrund des Unbegreiflichen das ich fürchtete, zu vergehen“ (Agnes Husslein-Arco (Hg.), Phantastischer Realismus, Ausstellungskatalog, Belvedere, Wien 2008, S. 22), schreibt Ernst Fuchs über seine frühen Jahre. Wie ein Nachtmahr wirkt auch jene 1949 entstandene Darstellung der „Versuchung des Hl. Antonius“, dessen Ängste uns heute ebenso beschäftigen, wie sie Künstler seit dem späten Mittelalter zu phantastischen Bildkompositionen inspiriert haben. Zu den bekanntesten frühen Versionen des Themas zählen jene von Matthias Grünewald, Lucas Cranach und Hieronymus Bosch, an die vor allem auch die Künstler des Surrealismus wie Max Ernst und Salvador Dali anknüpfen.

Die Darstellung der „Versuchung des Heiligen Antonius“ bietet sich an, um zwei der Hauptthemen der Phantastischen Realisten Eros und Thanatos, die Liebe und den Tod, zu verbinden. Der Eremit Antonius wird von lasziven Schönheiten in Versuchung gebracht und von Dämonen gequält und verfolgt. Es sind die Erscheinungen einer kranken Seele, die hier in einer apokalyptischen Landschaft auf die ausgemergelte Gestalt des Heiligen treffen. Vom schwarzen Bildgrund heben sich die geisterhaften Wesen wie Traumbilder versatzstückhaft ab. Es sind einzelne gehörnte Tierköpfe, die als Sinnbild des Satans stehen, der die Menschen auf seine Seite ziehen und sie ihrer Seelen berauben will, sowie Totenköpfe und andere gehörnte Wesen der Unterwelt, die Antonius bedrängen. Dazwischen finden sich spinnwebenartig fein gemalte Partien in zartem Weiß mit feingliedrigen Wesen und Traumsymbolen. Von links drängt ein Schwarm solcher Symbole auf den Kopf des Gequälten zu. Man erkennt ein Kreuz und engelähnliche Wesen, wohl die Heerscharen des Himmels, die dem heiligen Mann zu Hilfe eilen. Rechts im Bild erhebt sich eine prägnante turmartige Architektur, die an den Turmbau zu Babel erinnert, Zeichen der menschlichen Überheblichkeit und des Sündenfalls. Davor hat der Künstler eine Kreuzigungsszene positioniert, die als Sinnbild für einen festen Glauben und die Auferstehung steht. Durch die Verwendung weniger Farbtöne, vorwiegend Schwarz, Weiß und Rotbraun erzielt Ernst Fuchs eine grisailleähnliche Wirkung, die den Kontrast von lichten und dunklen Zonen noch verstärkt und den apokalyptischen Charakter betont.

(Sophie Cieslar)