Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

17. Dezember 2020, 17:00 Uhr

1683

Rudolf Hausner*

(Wien 1914 - 1995 Wien)

„o.T.“
1978
Öl auf Platte; gerahmt im Originalrahmen
64 x 35 cm
Signiert und datiert unten: R. Hausner 1978
Unten mit persönlicher Widmung versehen

Provenienz

direkt vom Künstler erhalten;
seither österreichischer Privatbesitz

€ 35.000

Seit Anbeginn reflektiert Rudolf Hausner in seinem Werk über sich selbst und sein Leben, widmet sich fast manisch einer intensiven Innenschau. Kaum ein Oeuvre gleicht einer derart fortlaufenden Erzählung in beständiger Auseinandersetzung mit der eigenen Person und deren Erleben wie jenes von Hausner. In Anbetracht dessen zeigt sich auch die Schwierigkeit der Einordnung seines Werks, das stets der Wiener Schule des “Phantastischen Realismus” zugerechnet wird, aber auch deutlich surrealistische Züge aufweist. Hausner selbst bevorzugte den Begriff “Psychischer Realismus” als Hinweis auf den introspektiven Charakter seiner Arbeit (Vgl. hierzu: Hans Holländer in: “Rudolf Hausner. Werkmonografie, Offenbach 1985, S.23)
In der Selbstbetrachtung gelangt Hausner zu Erkenntnissen, die er mittels seines Konterfeis – der “Adam”-Figur – artikuliert, und welche auf sein Spiegelbild als Vorlage zurückreicht. Hausner schreckt auch nicht vor dem weiblichen Pol zurück, schafft die Figur der “Anima”, die C.G. Jungs Archetypen-Lehre entspringt. Sie wird als Hausners weibliche Seite identifiziert und interpretiert, tritt später auch als “Eva” auf. Seit Ende der 1960er Jahre verleiht der Maler seinen immer ähnlich dargestellten, erotisch übersteigerten Frauenkörpern mit ausladendem Becken häufig das Antlitz seiner letzten Frau Anne. Oftmals verzichtet Hausner allerdings auch auf die Darstellung des Gesichts und somit auf eine Personifizierung.

Im vorliegenden Werk löst sich das Gesichtsfeld mit Mund, Augen und Nase in einen expressiven Farbdschungel auf. Möglicherweise mag Hausner in Frauenfiguren wie dieser seine selbstzerstörerische Triebempfindung oder andere innere Konflikte verkörpert haben. (Vgl. hierzu: Beate Elsen-Schwedler in: Rudolf Hausner. 1914-1995, Sigmaringen 1996, S.88).
“So taucht aus den Schächten der Introspektion das Weibliche auf als Lockung und Gefahr, als Gegenwelt der Ratio, als Bestandteil des Selbst und als sein Widersacher. In vielen Bildern vexiert es künftig zwischen Destruktion und Paradies, immer ist es präsent.” (Hans Holländer in: “Rudolf Hausner. Werkmonographie”, Offenbach 1985, S. 48)

1947 reißt eine frühe Darstellung der “Anima” den das gesamte Gesicht dominierenden Mund mit vulvaesken Zügen weit zu einem qualvollen Schrei auf. Der Hals ist langgezogen, die Arme abgewinkelt und zum Kopf emporgestreckt. 1978, 31 Jahre später, greift Hausner nun diese Geste erneut auf. Dabei erzählt die Körperhaltung der Frauenfigur im Gegensatz zum im Farbchaos verschwindenden Kopf etwas gänzlich anderes. Der in Untersicht wiedergegebene fleischige Körper mit den prallen Rundungen setzt einen weiten Schritt ins Bild hinein und auf den Betrachter zu – auf Zehenspitzen, leichtfüßig, anmutig und zielgerichtet.

(Isabell Kneidinger)