Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

04. Dezember 2019, 16:00 Uhr

0738

Jonathan Meese*

(Tokio 1970)

„Dr. Lilithyr (General Tanz Sautanz, s.v.p.)“
2005
Mischtechnik auf Leinwand; gerahmt
209,5 x 140,5 cm
Signiert und datiert rechts unten: JM / 2005
Rückseitig mehrfach signiert und bezeichnet sowie mit Galerien-Stempeln versehen.

Provenienz

Galerie Contemporary Fine Arts, Berlin;
Phillips de Pury, London, 13.10.2007, Lot 55;
Galerie Krinzinger, Wien;
Sammlung Marino Golinelli, Wien/Bologna/Mailand;
Ketterer, München, 04.06.2008, Lot 426;
seither europäische Privatsammlung

€ 30.000 - 50.000

Ab 2000 beginnt Jonathan Meese zu malen. Davor hatte er, der erst mit 22 Jahren die Kunst für sich entdeckte, abgesehen von frühen an Picasso und Horst Antes orientierten Figurenbildern mit Installationen, Performances und Aktionen auf sich aufmerksam gemacht. Nun durchbricht Meese lustvoll dieses sich gleichsam selbst auferlegte Malverbot.

Er bleibt beim Figürlichen, die Bilder zeigen aber eine deutlich eigenständigere Auffassung von Figur und Raum. Gleichzeitig tauchen literarische und mythologische Bezüge in seinem Werk auf. „Die Einführung des Mythos ist in mehrfacher Weise richtungsweisend für das Verständnis der Malerei Jonathan Meeses. So verweist der Mythos zunächst auf das Begriffspaar des Apollinisch-Dionysischen,... dass sich Meese dem dionysischen Prinzip zuordnet, wird bald offensichtlich: sowohl der Furor des malerischen Gestus als auch die Betonung des Triebhaften offenbaren ein Drängen ins Ungebundene, ins Rauschhafte, Ausufernde, in das, was die Grenzen aufhebt und die Form zerstört“ (Doris Mampe, Veit Ziegelmaier (Hg.), Jonathan Meese. Malermeese-Meesemaler. Ausstellungskatalog, Museum der Moderne Salzburg, Salzburg 2013/2014, S. 38). Meese folgt in seiner Malerei dem „Lustprinzip“ (Mampe, S. 24), dabei bedient er sich frei und ungezwungen im großen Sammelbecken deutscher Literatur, nimmt Anleihen bei Sagen und Mythen, zitiert Wagner, mischt Religiöses ungeniert mit Trivialem, hat vor nichts und niemanden Respekt. Der entfremdete Figurenkanon aus Literatur und Mythos werden zum Sprachrohr einer neuartigen Bilderwelt, sie sind somit keiner Zeit mehr verhaftet, sie stehen über der Zeit, wie es auch Meese für die Kunst proklamiert.

„Dr. Lilithyr“ betitelt er das 2005 – im selben Jahr wie die richtungsweisende Performance „Jonathan Meese ist Mutter Parzival“ im Magazin der Berliner Staatsoper – entstandene monumentale Leinwandbild und erweitert mit dem Untertitel „General Tanz, Sautanz, s.v.p.“ den Assoziationsspielraum. Lilithyr ist eine gelungene Kombination aus Lilith, geflügelte dämonische Göttin der Sumerer, und Satyr, dem zügellosen Gefährten des Dionysos, griechischer Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und Ekstase. Sie trifft auf General Tanz, den mörderische Offizier aus Hans Hellmut Kirsts Roman „Die Nacht der Generale“ und lädt höflich zum gemeinsamen Sautanz - s.v.p., s’il vous plaît französisch für bitte. Jonathanull (eine weitere humorvolle Wortschöpfung) bringt auch noch den Mörder Siegfrieds, Hagen, ins Spiel und somit die Nibelungensage, Paradebeispiel der deutschen Heldensagen, und paart das Ganze mit einer Assemblage aus einem Totenkopf mit Perücke – einer ordentlichen Portion Voodoo Zauber. Die Sprache ist somit wesentliches und gleichwertiges Element neben Farbe, Form und Raum, dabei zeigt sich auch hier in der Verwendung und Kombination der einzelnen Begriffe, Meeses Bestreben, Autoritäten zu hinterfragen, ihren Einfluss zu brechen. „Seine Titel haben etwas Kindliches. Die Bilder tun so, als würden sie etwas befürworten, über das sie sich eigentlich lustig machen.“ (Pamela Kort in: Doris Mampe, S. 12) Also eine Falle, in die wir beim Betrachten von Meeses Bildern hineintappen. Er führt uns in den Verknüpfungen von Wort und Bild in die Irre, auf falsche Fährten, erschafft irritierende Interaktionen auf der Suche nach einer neuen Bildsprache. (Sophie Cieslar)