Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

30. November 2018, 17:00 Uhr

0027

Gerhild Diesner*

(1915, Innsbruck - 1995, Innsbruck)

„Paradiesvogel“
1964
Öl auf Leinwand
100,5 x 101 cm
Signiert und datiert links unten: Diesner 64

Provenienz

1970 direkt von der Künstlerin erworben, Privatbesitz Tirol;
Kovacek Spiegelgasse, Wien, 2007;
europäische Privatsammlung

Literatur

Matthias Boeckl, Gerhild Diesner. 1915-1995, Innsbruck 2007, Abb. S. 211

Limit € 45.000

Die heiter gestimmte, "paradiesische" Szene mit Vögeln in einer üppigen, mediterranen Pflanzenwelt zeigt die Vorliebe der Malerin für exotische Motive, leuchtende Farben und raffinierte Komplementärkontraste. Tiere und Vegetation werden formal auf das Wesentliche reduziert und in dekorativer Flächigkeit in das Bild gesetzt, dennoch geht eine bezaubernde, lyrische Suggestivkraft von der Darstellung aus. Im Schaffen Gerhild Diesners, das den Bogen über fast sechs Jahrzehnte spannt, bildet das Genre des Stilllebens neben der Landschaft eine wesentliche Konstante. Diesners Malerei zeichnet sich durch eine eigenwillige Rezeption der französischen Moderne aus. Innerhalb der österreichischen Kunst steht ihr Œuvre als Bindeglied zwischen der expressiven Tradition und der abstrakten Avantgarde.

Gerhild Diesner wurde am 4. August 1915 in Innsbruck geboren. Sie besuchte zunächst die Fachschule für Damenkleidung und begann ihren künstlerischen Werdegang erst mit zwanzig Jahren. 1935 bis 1937 lebte sie in England, besuchte dort zuerst die Chelsea Art School und dann die School of Art in Brighton. 1937 zog sie nach München, um an der Akademie für angewandte Kunst Gebrauchsgraphik zu studieren. In den Münchner Museen fand ihre erste intensive Auseinandersetzung mit der französischen Kunst statt.
Trotz der unruhigen Kriegszeiten gelang es ihr 1943, ein Studium in Paris an der Académie André Lhote und an der École de la Grande Chaumière bewilligt zu bekommen. Die französische Moderne wurde für ihre Kunst zur wesentlichen Inspirationsquelle. Auch wenn eine Affinität zum Fauvismus von Henri Matisse und zu anderen großen Vorbildern wie Vincent van Gogh oder Paul Gauguin in ihren Werken deutlich erkennbar bleibt, kristallisierte sich bald ihre eigenständige Handschrift heraus.
In den Jahren nach dem Krieg erfuhr Diesners Schaffen ihren künstlerischen Höhepunkt. Sie konnte ihre Position innerhalb des Tiroler Kunstbetriebs festigen und ihre Werke auch auf Ausstellungen in Wien, etwa im "Art Club", präsentieren. Sensationell war die Beteiligung an der Biennale für Frauen in Bozen, wo ihre Bilder neben jenen von Sonja Delaunay gezeigt wurden. Nach ihrer Scheidung von Bodo Kampmann 1953 zog sie sich gesellschaftlich zurück und ihre Ausstellungsbeteiligungen wurden geringer. Bis ins hohe Alter blieb sie jedoch künstlerisch sehr produktiv.
(Claudia Mörth-Gasser)