Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

01. Dezember 2018, 15:00 Uhr

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Joannis Avramidis*

(Batumi/Georgien 1922 - 2016 Wien)

„Figur, Zeichnung für "King Minos"“
1985
Mischtechnik auf Papier; gerahmt
245 x 84,5 cm
Signiert rechts unten: Avramidis 85

Provenienz

erworben 2008 in der Galerie bei der Albertina - Zetter, Wien;
seither europäische Privatsammlung

Literatur

Michael Semff, Joannis Avramidis. Skulpturen und Zeichnungen. Hirmer Verlag, München 2005, Abb. S. 252

€ 50.000

„Etwas zu begreifen heißt für mich immer, etwas zeichnerisch zu fixieren.“ (Joannis Avramidis in: Hans-Peter Wipplinger (Hg.), Joannis Avramidis. Ausstellungkatalog, Leopold Museum, Wien 2017, S. 26)

Die Zeichnung nimmt im Schaffen Joannis Avramidis einen hohen Stellenwert ein. Am Ausgangspunkt jeder Skulptur stehen mehrere Studienblätter – Zeichnungen nach der Natur. Das können Akte oder Köpfe, Baum- oder Landschaftsstudien sein: „Zeugnisse einer unmittelbaren Anschauung, in welcher der Künstler durchgehend den Ausgangpunkt des Erkundens der den sichtbaren Erscheinungen innewohnenden Struktur, von Maß und Proportion sah“ (Wipplinger, S. 12). Die Zeichnungen dienen dem Künstler aber auch als Experimentierfeld und als Möglichkeit in offenem Strich auszuleben, was in der Strenge der Skulptur hermetisch eingeschlossen wird, und er setzt sie auch zur Klärung räumlicher und tektonischer Verhältnisse ein. So entstehen die Säulenskulpturen in einer Weiterentwicklung von zeichnerischen Beinstudien: der Fuß und das Bein, aus dem die Figur des Menschen herauswächst wie ein Baum aus seinen Wurzeln oder eine Säule aus ihrer Basis, und durch die sie auch ihre Verankerung im Stand erfährt.

Dieses Emporwachsen ist auch bei den Bandfiguren, die er parallel zur Säulen-Gruppe entwickelt, zu finden, nur weisen diese ein Moment der Beweglichkeit auf, die den streng statisch angelegten Säulenfiguren fehlt. In der Figur des „Minos“, wie man an der 1985 entstandenen monumentalen Zeichnung sehen kann, greift Avramidis auf ein Prinzip zurück, das er im trojanischen Krieger und dem trojanischen Pferd um 1970 schon entwickelt hat. Aus übereinandergestapelten Kugelschnitten entwickelt er röhrenartige Figuren, die oben wie ein Periskop gebogen eine Kopfform ausbilden. Auch König Minos, Sohn des Zeus und der Königstochter Europa, besteht aus einem derartigen Tubus, dessen Kopf schlangenartig anmutet und auch einen Bezug zum historischen König der Kreter darstellen könnte. Hat doch der Sage nach Pasiphaë, die Gattin des Minos, diesen mit einem Zauber belegt, um seine Treue sicherzustellen. Bei jeglicher Berührung, außer jener der Ehefrau, entströmten dem Leib des Königs Schlangen. Die Beweglichkeit des Kopfes steht im Kontrast zum fest verankerten Stand der Figur, die im unteren Teil wie ein mächtiger Baumstamm anmutet. Durch die Andeutung eines Hintergrundes entlang der Umrisse lässt der Künstler Räumlichkeit entstehen. Der König Minos ist somit die perfekte Synthese aus Säulenfigur und Bandfigur, aus Verdichtung und Offenheit, aus Beweglichkeit und heroischer Statik. (Sophie Cieslar)