Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

01. Dezember 2018, 15:00 Uhr

0046

Alfred Hrdlicka*

(Wien 1928 - 2009 Wien)

„Samson“
1960/61
Bronze
ca. 44 x 116 x 55 cm
Signiert und bezeichnet: A. Hrdlicka Guss A. Zöttl Wien
Auflage: 3 arabisch nummerierte Güsse und 2 EA Güsse
Guss: A. Zöttl Wien

Provenienz

direkt beim Künstler erworben;
seither Privatbesitz, Wien

Literatur

vgl. Michael Lewin (Hg.), Alfred Hrdlicka. Das Gesamtwerk. Bildhauerei, Europaverlag (Hg.), Wien, Zürich 1987, Abb. S. 74., Nr. 38

€ 35.000 - 60.000

„Die Pointe der Steinbildhauerei ist, das tote Material in Fleisch zu verwandeln. In keiner künstlerischen Technik wird Rohstoff so unmittelbar in Kunst umgesetzt.“ (Alfred Hrdlicka in: Trautl Brandstaller, Barbara Sternthal (Hg.), Alfred Hrdlicka. Eine Hommage, St. Pölten-Salzburg 2008, S. 83)

Alfred Hrdlicka setzt in seinem Werk den abstrakten Tendenzen, die in seinen Akademiejahren als Schüler Kurt Wotrubas vorherrschend waren, eine expressiv behandelte Figürlichkeit entgegen, die zu einem markanten Merkmal seines Stils wird. „Alle Macht in der Kunst geht vom Fleische aus“, so der Künstler (Dietrich Schubert, Alfred Hrdlicka. Beiträge zu seinem Werk, Worms 2007, S. 9). Das Fleischliche ist Bestandteil der menschlichen Natur, ebenso wie Triebhaftigkeit, Sexualität und eine latent vorhandene unterschwellige Aggression, die jederzeit hervorbrechen kann. In seinen Sujets, die oftmals in Zyklen angelegt sind, lässt er sich durch Figuren der klassischen Literatur, mythologischen und biblischen Gestalten, Künstlerpersönlichkeiten, aber auch von Gewalttätern (Friedrich Haarmann, der Giftmörderin Martha Beck) inspirieren.

Samson, der Unbezwingbare, verrät den Ursprung seiner Kraft, sein langes Haar, leichtfertig an seine Geliebte Delila. Sie berichtet den Philistern davon, die die Herrschaft über die Israeliten anstreben. Diese überwältigen den Schlafenden, scheren und blenden ihn. Dadurch verliert er all seine Kraft und kann gefangen genommen werden. Alfred Hrdlicka zeigt in seiner Bronze den Samson als geschundenen Torso, blind und geschoren, hilflos sich am Boden windend, sich gegen sein Schicksal aufbäumend. Die mächtigen Schultern verraten die einstige Kraft, die diesem heldenhaften Hünen durch Verrat genommen wurde. Das Fehlen der Gliedmaßen, die Reduktion auf Haupt und Oberkörper versinnbildlichen die Ausweglosigkeit seiner Situation und das Ausgeliefertsein an seine Feinde noch intensiver. „Hrdlicka spürt den Menschen nicht in dem Bereich des Lebens auf, in dem sich die Menschen zurechtmachen und von ihrer besten Seite zeigen. Vielmehr folgt er ihnen an die Orte, wo sie ihre Masken und Hüllen fallen lassen; er porträtiert sie dann, wenn sie ihr wahres Gesicht offen legen“ (http://cle.ens-lyon.fr/allemand/arts/peinture-et-sculpture/alfred-hrdlicka-yberblick-yber-das-werk-des-wiener-bildhauers, zugegriffen am 19.10.2018) oder wenn sie wie Samson gepeinigt voll Schmerz kapitulieren müssen. Der Künstler öffnet somit in seinen beeindruckend kraftvollen Skulpturen dem Betrachter den Blick in die Abgründe und Extreme der menschlichen Existenz. (Sophie Cieslar)