Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

20. Juni 2018, 18:00 Uhr

0828

Walter Navratil*

(Klosterneuburg 1950 - 2003 Wien)

„Le Saut De Chat“
1979
Öl auf Leinwand; gerahmt
180 x 240 cm
Bezeichnet, signiert und datiert rechts unten: Le Saut De Chat Navratil 1979.

Provenienz

2009 im Auktionshaus im Kinsky Wien erworben, 72. Auktion (lot 118);
seither europäische Privatsammlung

€ 28.000

„Navratils Bildgegenstände sind nicht das, was sie scheinen. In Ihrer Zusammenstellung oder durch mehr oder weniger unauffällige Details wird das Sicherheitsempfinden des Betrachters unterminiert. Die Faszination der Bilder Walter Navratils liegt in ihrer Fähigkeit, Vertrautes zu verfremden und so wieder ins Bewußtsein zu rücken.“ (Walter Navratil. Gemälde 1970-1998. Ausstellungskatalog, Bawag Foundation, Wien 1998, S. 5)

In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre greift Walter Navratil das Thema der Balletttänzerinnen auf und beschäftigt sich dabei auch mit den Bildern Edgar Degas’. Teilweise übernimmt er sogar den Kompositionsaufbau des Franzosen wie in der 1976 entstandenen „Ballettprobe nach Degas“. 1979 widmet er sich in „Le Saut de Chat“ neuerlich der Thematik des Spitzentanzes. Der Titel verweist auf die Ballettfigur, bei der man aus dem Plié mit einem gestreckten und einem angewinkelten Bein in die Höhe springt und übersetzt sich mit „Sprung der Katze“. In einem nicht näher definierten Raum – ist es eine Bühne? – reiht er vier Tänzerinnen bildparallel nebeneinander auf. Sind es aber Tänzerinnen, die hier ihre Ballettkünste vorführen? Die Gesichter – vielmehr ist es eigentlich immer das gleiche Gesicht – sehen eher männlich als weiblich aus. Die kahlen Köpfe mit dem seltsamen Grinsen wirken deplatziert auf den weiblichen Körpern. Lediglich durch die einmal geschlossenen, einmal weit geöffneten Augen unterscheiden sich diese maskenartigen Fratzen voneinander im Ausdruck. Befremdlich und verstörend ist dieses seltsame Corps de ballet, das sich durch die betonten Umrisslinien und scharfen Silhouetten wie eine ausgeschnittene Schablone vom Bildgrund abhebt. Keine Figur ist weiter vorne oder weiter hinten angesiedelt, obwohl sie das auf Grund der Dynamik des Tanzes sein müssten, vielmehr sind alle vier in ihren Posen eingefroren in einer Bildebene angesiedelt, die wie ein flaches Dekor, wie ein Abziehbild auf die Leinwand aufgebracht ist. Die Figuren gehen dabei keinerlei Verbindung mit dem Raum ein. Spannung entsteht zusätzlich durch die Modellierung von Gewand und Körper, die im Kontrast zur schablonenartigen Wirkung der Figuren steht.

Walter Navratil erschafft in seinen Bildern eine eigene Welt, er bedient sich dabei eines motivischen Repertoires, das in unserem Bewusstsein verankert ist, verfremdet dieses aber in manchmal geheimnisvoller, manchmal verstörender Art und Weise. Das zur Maske erstarrte Antlitz ist ihm dabei Sinnbild einer fragwürdigen Welt, in der vieles scheint, was es nicht ist, in der uns Dinge vorgegaukelt werden, in der optische Täuschungen an der Tagesordnung sind und der Leichtgläubige in die Irre geführt wird. (Sophie Cieslar)