Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

19. Juni 2018, 18:00 Uhr

0334

Erwin Dominik Osen*

(Wien 1891 - 1970 Dortmund)

„Häuser in Krumau“
1912
Öl auf Leinwand
44,5 x 52,5 cm
Signiert und datiert links unten: Osen / Erwin / 1912

Provenienz

Adolf Kronfeld (1861-1938), direkt vom Künstler erworben, bis 1938;
Otto Kronfeld (1902-1984, Sohn von Adolf Kronfeld), bis 1984;
seither in Besitz von Otto Kronfelds Witwe und deren Erben, österreichischer Privatbesitz

Schätzpreis: € 25.000 - 50.000
Ergebnis: € 35.000
Auktion ist beendet.

Erwin Osen studierte Bühnenbild bei Alfred Roller, war Theaterausstatter und trat als Mimiker in Varietés auf. Im Jahr 1909 gehörte Osen zu den Mitbegründern der von Schiele initiierten "Neukunstgruppe", die sich gegen den konservativen Akademiebetrieb richtete und erstmals im Kunstsalon Pisko gemeinsam ausstellte. Zwischen Schiele und dem Exzentriker Osen entwickelte sich bald eine enge Freundschaft. Schiele war von Osens Mimiken, seinen exaltierten Gesten und seinem inszenatorischen Talent begeistert. Osens pantomimische Fähigkeiten dürften Schiele stark inspiriert haben. Mehrfach zeichnete Schiele seinen Freund "Mime van Osen", wie sich dieser selbst nannte, in ekstatischen Haltungen.

Gemeinsam mit Egon Schiele und dessen Schwager Anton Peschka reiste Erwin Osen im Mai 1910 nach Krumau. Begleitet von Osens Gefährtin, der exotischen Ausdruckstänzerin Moa, von der auch Schiele fasziniert war, wollten die drei Freunde eine Art Künstlerkolonie gründen. Schiele hatte zu Krumau, der Geburtsstadt seiner Mutter, zeitlebens eine besondere Beziehung. Die pittoreske Altstadt an der Moldau übte einen außergewöhnlichen Reiz auf ihn aus und wurde als menschenleere "Tote Stadt" oder "Stadt am blauen Fluss" eines der wichtigsten Motive seines künstlerischen Schaffens. Im Mai 1911 bezog Schiele mit Wally Neuzil ein Gartenhaus in Krumau, wo er häufig Besuch von seinem Malerfreund Erwin Osen hatte. Im kleinstädtischen Milieu erregten die jungen Künstler mit ihrem freien Lebensstil und unkonventionellen Auftreten Aufsehen. Vor allem auch die Tatsache, dass für Schiele sehr junge Mädchen Modell saßen, sorgte für Empörung, sodass sich Schiele im August 1911 gezwungen sah, Krumau zu verlassen. Er kehrte jedoch immer wieder für kürzere Aufenthalte nach Krumau zurück und wurde von der besonderen Architektur und Atmosphäre zu beeindruckenden Stadtvisionen angeregt.

Erwin Osens frühe Bilder sind deutlich an Egon Schiele orientiert. Sein seltenes Gemälde "Häuser in Krumau" erinnert daran, dass er Seite an Seite neben Egon Schiele malte, sich von ihm inspirieren ließ und ihn imitierte. Sogar Schieles Art, zu signieren, wird von Osen zitiert. Das Bild entstand in den Sommermonaten des Jahres 1912, die Osen in Krumau verbrachte, während er Egon Schiele sein Atelier in Wien überließ (Vgl. dazu: Gregor Mayer, Ich ewiges Kind. Das Leben des Egon Schiele, Salzburg / Wien 2018, S. 152). In einem Brief vom 15. 6. 1912 an Arthur Roessler schrieb der von Geldnöten geplagte Schiele: "Ich nehme Osens Atelier, es ist das billigste in Wien", (vgl. Ch. Nebehay, Egon Schiele, Leben. Briefe. Gedichte, Salzburg 1979, S. 223).
Die von Schiele und Osen im Bild verewigte Häuserfront mit ihren ineinander verschachtelten Dachformen findet sich auf einem Schwarz-Weiß-Foto aus 1930, das einen weiter gefassten Blick auf die Krumauer Häuser an der Moldau zeigt, wieder. (Claudia Mörth-Gasser)