Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

05. Dezember 2017, 18:00 Uhr

0276

Ernst Ludwig Kirchner

(Aschaffenburg 1880 - 1938 Frauenkirch bei Davos)

„Sitzender weiblicher Akt (Erna)“
um 1912/13
Bleistift auf Papier
46,7 x 32,2 cm
Signiert rechts unten: EL Kirchner
Ölkreideskizze verso (Hirt mit Ziegen, 1920)

Provenienz

Privatsammlung, Deutschland;
Ketterer Kunst, München, 05./06. 05. 2003, Nr. 881;
Lempertz Köln, 29. 11. 2006, Nr. 197;
Kunsthandel Wienerroither & Kohlbacher, Wien;
dort 2007 erworben, seither österreichischer Privatbesitz

Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv Wichtrach/Bern dokumentiert.

Schätzpreis: € 15.000 - 30.000
Ergebnis: € 22.000

Im Jahr 1911 siedelte Kirchner mit den anderen Mitgliedern der 1905 gegründeten Künstlervereinigung „Brücke“ von Dresden nach Berlin. Dort angekommen, machte Kirchner seine Faszination für das urbane Leben und auf der anderen Seite seine Beklemmungen gegenüber der Großstadt zu seinem bedeutendsten Bildthema. In den Nachtklubs und Varietés zog ihn das Spiel des erotischen Kitzels, der Bewegung und des ausgelassenen Schwunges vollkommen in seinen Bann.
Aus diesem Umfeld der Berliner Halbwelt entstammte die Nachtklubtänzerin Erna Schilling, die Kirchner in dieser locker hingeworfenen Bleistiftskizze festhielt.
Kirchner skizzierte sie frontal mit abgewendetem Kopf, um ihr gesamtes Profil zu zeigen. Mit der linken Hand verdeckt sie ihre Scham. Die herabgesenkten Augenlider verdeutlichen, dass es sich um einen ruhigen intimen Moment handelt. Als Modell prägte Erna Schilling Kirchners Sicht auf den weiblichen Körper maßgeblich.

Über das Kennenlernen mit Erna schrieb Kirchner 1925 in seinem Davoser Tagebuch: „… ich fand eine kleine Tänzerin […]. Heckel erfuhr durch Sidi, dass sie schwer krank gewesen wäre und sich jetzt erholen wollte und gerne mitginge, […] Ich fand das Mädchen nett und bestellte sie zu mir, um zu sehen, ob sie sich eignete resp. ihr Körper. Sie war nett gebaut, nur sehr elend und traurig. Wir hatten Sympathie füreinander, und sie ging mit mir und lebte bis zur Abreise ganz gut mit mir."
Erna war die erste Freundin Kirchners nach dessen Ankunft in Berlin. Er holte sie aus dem "Milieu" und machte sie zu seinem Malermodell. Obwohl die beiden nie heirateten, nannte man sie in Davos, wo die beiden ab 1926 leben, Frau Kirchner. Erna blieb bis zum Suizid Kirchners 1938 an der Seite des zerrissenen Genies.

Bei den beiden Kokotten in Kirchners Hauptwerk "Potsdamer Platz" (1914) ist auch Erna Schilling - gemeinsam mit ihrer Schwester Gerda- dargestellt. (AKE)