Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

20. Juni 2017, 18:00 Uhr

0244

Herbert Boeckl

(Klagenfurt 1894 - 1966 Wien)

„Stillleben I“
1957
Öl auf Leinwand
81,5 × 100 cm

Provenienz

Nachlass des Künstlers, Wien, B 30;
Maria Unger, Wien;
Dipl.-Ing. Clemens Unger, Wien;
Galerie Maier, Innsbruck;
österreichischer Privatbesitz

Ausstellung

1964 Wien, Museum des 20. Jahrhunderts, Boeckl, Kat.-Nr. 79, S. 22;
1992 Schwaz, Herbert Boeckl im Rabalderhaus Schwaz, Galerie Maier, Kat.-Abb. 17

Literatur

Claus Pack, Der Maler Herbert Boeckl, Wien / München 1964, S. 63, Kat.-Nr. 220, Abb. Taf. IX;
Gerbert Frodl, Herbert Boeckl. Mit einem Werkverzeichnis der Gemälde von Leonore Boeckl, Salzburg 1976, S. 211, Kat.-Nr. 313;
Herbert Giese, Herbert Boeckl. "…und einmal ein kleines Ergebnis", in: Parnass, Jg. 14, H. 3, 1994, S. 52;
Agnes Husslein-Arco (Hg.), Herbert Boeckl. Retrospektive, Katalog mit Werkverzeichnis der Ölbilder, Skulpturen, Fresken und Gobelins, Belvedere Wien, 21. 10. 2009 - 31. 01. 2010, WV-Nr. 386, Abb. S. 392

€ 98.000

„Die Entwicklung des Lebens und der fortwährende Trieb des Menschen nach Entschleierung der Geheimnisse der Natur bringen notgedrungen neue künstlerische Formen hervor.“ (Herbert Boeckl, Neue Formen der bildenden Kunst, Vortrag im Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien, 17. 05. 1946, in: Agnes Husslein-Arco (Hg.), Herbert Boeckl, Ausstellungskatalog, Belvedere Wien 2009/2010, S. 261)

Sein künstlerisches Streben, die Suche nach neuen Formen führt Herbert Boeckl weg von der linearen Flächenkunst des Jugendstils hin zu einem expressiv geprägten Malstil, der einzigartig in der österreichischen Kunstgeschichte ist. „Boeckl hat mit seinem malerischen Werk eine neue Welt geschaffen, eine Welt, die es vor ihm nicht gegeben hat... er hat Klimt und Schiele überwunden und er hat Kokoschka gezeigt, daß es noch einen anderen neuen Weg der bildnerischen Gestaltung gibt.“ (Herbert Giese, Herbert Boeckl. "…und einmal ein kleines Ergebnis", in: Parnass, Jg. 14, H. 3, 1994, S. 44). Körper, Raum und Farbe agieren gleichberechtigt nebeneinander, bilden die Bausteine einer neuen Wirklichkeit, die sich auf den Leinwänden vor uns aufbaut.

Nach 1945 kommt es zu einer künstlerischen Neuorientierung. Das Spätwerk bringt eine Verfestigung der Formen, an dem 1957 entstandenen „Stillleben I“ gut zu erkennen. Im Hintergrund finden sich Zitate der in den späten 1950er Jahren aufkommenden Abstraktionen, wie sie auch in frühen Arbeiten von Gottfried Goebel, Johann Fruhmann, Kiki Kogelnik, Markus Prachensky und Arnulf Rainer zu finden sind. Die geometrischen Formen korrespondieren mit dem auf einer Tischplatte arrangierten Stillleben. Die hier zu sehenden Gegenstände können wir nur auf Grund unseres visuellen Erfahrungsschatzes genau identifizieren. Boeckl verzichtet auf die Wiedergabe von Stofflichkeit und deutet Volumina lediglich an, die blaue Glasvase und die Orangen davor zum Beispiel sind vollkommen flächig wiedergegeben. Die Musterung der Tischplatte, die eigentümlich schräg in den Raum gestellt, leicht hochgeklappt wiedergegeben ist, macht auch diese zu einem abstrakten Tableau und führt zu einer räumlichen Verunklärung, die sich im gesamten Bild fortsetzt. Man kann nicht genau sagen, wo der Boden aufhört und wo die Wand anfängt, was weiter vorne und was weiter hinten liegt. Dieser Bildraum ist kein Raum sondern ein abstraktes Gebilde und gleichzeitig dennoch ein Stillleben. Herbert Boeckl macht sich die Errungenschaften eines Paul Cézanne und der Kubisten, wie Pablo Picasso, Juan Gris, Jacques Villon und George Braque ebenso zunutze wie die Farbabstraktionen eines Serge Poliakoff und deutet sie in seinem Sinn um. Er erzeugt so eine ganz eigentümliche Verbindung zwischen abstrakt und gegenständlich, hebt den scheinbaren Widerspruch zwischen diesen beiden Positionen auf und erschafft so magische Bildwelten, die einzigartig und gleichzeitig wegweisend in der österreichischen Malerei sind. (Sophie Cieslar)