Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

30. November 2016, 18:00 Uhr

1017

Emil Herker*

(Aigen 1966)

„xrated, so what“
2012
Acryl auf Leinwand; ungerahmt
140 × 170 cm
Rückseitig signiert und datiert auf der Leinwand: Emil Herker 2012

Provenienz

österreichische Privatsammlung

Werkverzeichnis Nr. 323

Schätzpreis: € 8.000 - 16.000
Ergebnis: € 7.000
Auktion ist beendet.

Hinter der Verpackung

Seine künstlerische Inspiration holt sich Emil Herker aus seinem direkten Umfeld. Protagonisten seines aktuellen Bildzyklus' sind banale, alltägliche Gegenstände, die über ihren reinen Gebrauchswert hinaus gewöhnlich kaum unsere Aufmerksamkeit fesseln. Herker zeigt durchsichtige Gläser und Flaschen in Nahaufnahme und setzt knallbunte Verpackungen chinesischer Lebensmittel wie Anrührsuppen, Knabberzeug und Süssigkeiten dahinter. Der Künstler, der viel in Südostasien unterwegs ist und teilweise in Hong-Kong lebt, hebt nicht nur solche Verpackungen auf, die für eine kurze Lebensdauer prädestiniert sind, um nach Gebrauch im Müll zu landen, sondern inszeniert sie prominent auf großformatigen Leinwänden. Durch seine Augen gesehen erhalten sie eine zweite, hintergründige Bedeutung.

Nicht nur in der asiatischen Kultur hat die Verpackung von Lebensmitteln einen entscheidenden Einfluss auf das Kaufverhalten. Während beispielsweise in Europa sich eine mehr umweltbewusste Tendenz Richtung sparsamerer und ökologischer Verpackung abzeichnet, die auf ein geringereres Abfallvolumen abzielt, geben internationale Unternehmen zu, dass sie im asiatischen Raum nur erfolgreich sein können, wenn ihre Produkte großzügig und in aufwendigen Materialien verpackt werden. So muss zum Beispiel Schokolade in mehreren Hüllen eingewickelt sein und schließlich in einem überdurchschnittlich großen Karton verkauft werden. Wichtig ist zudem, dass alles schön bunt ist.

Verpackung ist Werbung, und Werbung ist immer ein Spiegel der Gesellschaft, in der sie wirken will. Reflektiert werden nicht nur das Konsumverhalten, sondern auch soziale Werte. Die Überbleibsel von Mahlzeiten für zwischendurch, die Herker in seinen Bildern in Szene setzt, zeigen schematisierte Frauen- oder Zeichentrickfiguren. Immer lächelnd und immer fröhlich werben sie für Fast- und Junk-Food und suggerieren Genuss und Spaß. Ansprechen sollen sie Kinder oder Kindgebliebene, oder es lässt sich mit schönen Frauen in Schulmädchen- oder Geishaästhetik gezielt eine männliche Klientel ansprechen.

Die Verpackung als Bildmotiv kann, jenseits der spezifisch ostasiatischen Bezüge, auch als Symbol für eine scheinhafte, im Oberflächlichen verharrende Lebensform gesehen werden. Diese Kritik wiederum könnte auch auf den heutigen Kunstmarkt angewendet werden, der in der Wiederholung längst beliebig gewordener Modernismen und Provokationen erstarrt ist.

Herker gehört einer bestimmten Tradition der neuen Malerei an, die den Übergang der figurativ-abbildlichen Malerei in die Abstraktion, der gemeinhin als „modern“ gilt, nicht nachvollzieht, die Modernität der Aussage stattdessen in der Wahl der Bildgegenstände anstrebt. Sie zielt auf eine Ent-Pathetisierung und einer Zuwendung zum Alltagsweltlichen hin, die einer radikalen Abkehr an das gleich kommt, was in der Malerei seit dem Spätmittelalter als bildwürdig galt.

Sucht man in der Malerei der letzten Jahrzehnte nach Herker eng verwandten Künstlern, sowohl in der Wahl der Motive als auch in der technischen Fertigkeit, so könnte zum Beispiel auf Ralph Goings hingewiesen werden, einen der begabtesten Vertreter des US-amerikanischen Fotorealismus. Auch Goings faszinierten die Essgewohnheiten seiner Zeit, die er in seinen Bildern von Donuts, Bagels, Ketchupflaschen und Kaffeetassen virtuos widergibt.
(Teresa Vena)