Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

30. November 2016, 18:00 Uhr

1074

Erwin Wurm*

(Bruck 1954)

„Guggenheim-melting“
2005
Gießharz (Resin); Auflage: Ed.Nr. AP 3/4
45 × 136 × 101 cm

Provenienz

Privatsammlung, Österreich

Beiliegend Zertifikat des Atelier Erwin Wurm, vom Künstler unterzeichnet.

€ 37.000

Erwin Wurm, der „déformateur professionnel“ (Julien Foulatier, 12. April 2012, http://www.boumbang.com/erwin-wurm/), ist ein Meister des Infragestellens. Raumdarstellung, Volumina, Gleichgewicht, Erdanziehung, die Grenzziehung zwischen ephemeren und dauerhaften Zuständen, all das gewinnt in seinen Arbeiten eine neue Bedeutung. Er fordert den Betrachter heraus, gewohnte Sehweisen über Bord zu werfen und seine Umwelt aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Gleichzeitig sind seine Arbeiten auf Humor aufgebaut. „Klassische, bedeutungsvolle Bildhauerei wird hier ganz manifest ad absurdum geführt. Zugleich ergibt sich eine zweite, letztlich sehr abgründige humoristische Ebene bei Erwin Wurm. Denn seine bildhauerische Geste ist auch dazu da, den einfachsten, selbstverständlichsten Gepflogenheiten und Handlungen im Alltag gewissermaßen den Boden unter den Füßen wegzuziehen.“ (Robert Fleck, in: Erwin Wurm. Der Künstler, der die Welt verschluckte, Ausstellungskatalog, MUMOK Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien 2006/2007, S. 11)

So bringt er Ikonen der Architektur von Adolf Loos, Mies van der Rohe oder Frank Lloyd Wright zum Schmelzen. „Ich betrachte Architektur als eine Art Skulptur... daher ist es möglich, diese Häuser zum Schmelzen zu bringen, weil das Schmelzen ist für mich der langsame Prozess einer Transformation der Form in etwas Flüssiges. Dieser Wechsel des Zustandes, die geometrische Form eines Gebäudes wird Fett, das bedeutet eine Aufhebung der Ordnung. Es entsteht etwas nicht Anthropomorphes, nicht Abstraktes, eher etwas Formloses.“ (Übersetzung eines Gesprächs von Erwin Wurm mit Peter Zuspan, http://www.museomagazine.com/ERWIN-WURM).

Die Skulptur „Guggenheim-Melting“ ist also eine Kombination aus zwei gegensätzlichen Ordnungen, der Architektur als technischem und dem amorphen Schmelzen als biologischem System. Nicht zufällig ist die Auswahl des berühmten New Yorker Museums von Frank Lloyd Wright. Das 1956 bis 1959 errichtete Gebäude, das die Grundform einer Rotunde hat, vereint verschiedene geometrische Formen wie Dreiecke, Kreise, Ovale und Quadrate. Es gilt als gelungener Versuch, die Plastizität organischer Strukturen in die Architektur zu übersetzen. Gleichzeitig stand es in der Kritik, mit seiner visuellen Dominanz der darin ausgestellten Kunst die Schau zu stehlen, also seine eigentliche Aufgabe als Museum zu verfehlen. Die Architektur ist hier also auch als Demonstration von Macht und Einfluss zu interpretieren. Gemeinsam mit dem Gebäude schmilzt Erwin Wurm seine ästhetische Exklusivität und seine Bedeutsamkeit als Tempel der Kunst ein. (Sophie Cieslar)