Auktionshaus

Auktion: Alte Meister

26. November 2015, 18:00 Uhr

1377

Angelika Kauffmann

(1741, Chur - 1807, Rom)

„Odysseus auf der Insel der Circe“
1793
Öl auf Leinwand
115 × 155 cm
Signiert und datiert rechts unten: Angelica.Kauffman. / Pinx: Romae / 1793

Provenienz

1793 Auftrag von Sir John Rushout 5th Bt. (1738-1800), später 1st Baron Northwick, Northwick Park, Worcestershire;
im Erbgang an dessen Tochter Harriet, Lady Cockerell, geb. Rushout, (gest. 1851), Ehefrau von Sir Charles Cockerell of Sezincot/ Roushout (1809–1869);
im Erbgang an deren Sohn Sir Charles Fitzgerald Rushout, 3rd Bt. (1840-1879);
Versteigerung von dessen Sammlung: Phillips & Son, London, Valuable Property Removed from Sezincot House, Gloucestershire by Order of the Executors of Sir Charles Rushout, Bart, 9 December 1879 (Ulysses in the Island of Circe. Sold to Eyles for £ 105., vgl. Manners/ Williamson 1924, S. 232);
Privatsammlung, England;
1960 Kunsthandel, Wien;
vom Großvater des derzeitigen Eigentümers erworben; seither österreichischer Familienbesitz

Ausstellung


Angelika Kauffmann, Ein Weib von ungeheurem Talent, Vorarlberger Landesmuseum/Angelika Kauffmann Museum, Bregenz/Schwarzenberg, 14. Juni bis 5. November 2007, Nr. 102
„... Ihr werten Frauenzimmer, auf!“. Malerinnen der Aufklärung, Gemälde-Ausstellung zum Festival des Historischen Frauen-Kunst-und Kultur-Projekts, Das Roselius-Haus, Bremen 1993, Kat.-Nr. 12
„… und hat als Weib unglaubliches Talent (Goethe)“. Angelika Kauffmann (1741-1807) und Marie Ellenrieder (1791-1863). Malerei und Graphik, Rosgarten Museum, Konstanz 1992, Nr. 37

Literatur


Tobias Natter (Hg.), Angelika Kauffmann. Ein Weib von ungeheurem Talent, Ausst.-Kat., Vorarlberger Landesmuseum, Bregenz/Angelika Kauffmann Museum, Schwarzenberg, Ostfildern 2007, S. 204-205, Nr. 102 (Abb.)
Bettina Baumgärtel/Iris Bubenik-Bauer/Ute Schalz-Laurenze (Hg.), „... Ihr werten Frauenzimmer, auf!“. Malerinnen der Aufklärung, Ausst.-Kat., Das Roselius-Haus, Bremen 1993, S. 89-90, Kat.-Nr. 12 (Abb.)
Bettina Baumgärtel/Elisabeth von Gleichenstein/Karin Stober (Hg.), „… und hat als Weib unglaubliches Talent (Goethe)“. Angelika Kauffmann (1741-1807) und Marie Ellenrieder (1791-1863). Malerei und Graphik, Ausst.-Kat., Rosgarten Museum, Konstanz 1992, S. 173, Nr. 37 (Abb. 17)
Victoria Manners/George Williamson, Angelica Kauffmann, R.A. Her life and her works, London 1924, Memorandum of paintings by Angelika Kauffmann (eigenhändige Aufzeichnungen von Angelika Kauffmann), S. 163, S. 168 und S. 172; ebenfalls erwähnt S. 93, S. 98 und S. 232;
Constantin von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Wien 1864, Bd. 11, S. 51

€ 300.000

Angelika Kauffmann gilt als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 18. Jahrhunderts. In ihren Werken verkörpert sie ausgehenden Barock, Aufklärung, Klassizismus und zugleich den künstlerischen Übergang ins 19. Jahrhundert. Schon Johann Gottfried Herder (1744-1803) bezeichnete sie als „kultivierteste Frau Europas“. Neben dem intensiven Austausch mit Malerkollegen wie Sir Joshua Reynolds (1723-1792) in London stand sie auch mit den höchsten Vertretern der adeligen und geistigen Gesellschaft in Verbindung, wie beispielsweise Kaiser Joseph II. (1741-1790) oder Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).
1741 in Chur geboren und zunächst von ihrem Vater, Joseph Johann Kauffmann, ausgebildet, verbrachte die Künstlerin ihre Jugend vorwiegend in Schwarzenberg (Vorarlberg) und Norditalien. Nach einer Empfehlung lebte sie ab 1766 insgesamt 15 Jahre in London, wo sie auch Mitglied in der Royal Academy wurde. Wie herausragend die Tatsache ihrer Aufnahme in diese Institution als Frau war, unterstreicht das bekannte Zitat Goethes, der sie als „Weib von ungeheurem Talent“ bezeichnete. Von 1781 bis zu ihrem Tod im Jahre 1807 stellte Rom den Lebensmittelpunkt der Künstlerin dar, wo sie gemeinsam mit ihrem Gatten, dem Maler Antonio Zucci (1726-1795), das ehemalige Haus des Künstlers Anton Raphael Mengs (1728-1779) erwarb.
Vorliegendes Gemälde ist eben in dieser gefestigten Reifezeit Angelikas Kauffmanns in Rom im Jahre 1793 entstanden, in welcher sie zu den gefragtesten Künstlern ihrer Zeit zählte und ihre Werke bereits damals wie heute bei internationalen Sammlern besonders gefragt waren.

An der Antikenlehre Johann Joachim Winckelmanns (1717-1768) geschult und dem Geschmack des intellektuellen Publikums entsprechend, inszenierte Angelika Kauffmann in diesem Werk den entscheidenden Wendepunkt einer der dramatischsten Geschichten der Antike; klar im Aufbau und ruhig in der Bewegung, und doch bis aufs Äußerste gespannt.
In einer sechsfigurigen Szene schildert die Künstlerin eine der Episoden aus Odysseus Irrfahrt nach der literarischen Vorlage Homers. Auf einer Insel verwandelte die Zauberin Circe die Gefährten des antiken Helden zunächst in Schweine und versucht ihn selbst durch ihre Verführung gefangen zu halten. Um jedoch die Begleiter zu befreien und danach in die geliebte Heimat zurückkehren zu können, muss Odysseus der schönen Circe widerstehen. Das Gemälde zeigt eben diesen Moment, in dem Odysseus, mit Früchten und Wein bewirtet, alles leibliche Wohl und auch die Zuneigung der schönen Circe verweigert, bis seine Gefährten eine menschliche Gestalt zurückerhalten sollten. Auch Circe muss dabei erkennen, dass sie ihren Geliebten ziehen lassen muss, wenn Sie sein Glück will (vgl. Natter 2007, S. 204).

Homer, Odyssee, 10. Gesang:
„Da umhüllte sie mir den prächtigen Mantel und Leibrock,
Und dann führte sie mich ins Gemach zum silberbeschlagenen
Schönen künstlichen Thron, mit füssestützendem Schemel. […]
Und die ehrbare Schaffnerin kam und tischte das Brot auf,
Und die Gerichte viel‘ aus ihrem gesammelten Vorrat,
und befahl mir zu essen. Doch meinem Herzen gefiels nicht;
Sondern ich dass zerstreut, und ahndete Böses im Herzen.
Kirke bemerkte mich jetzt, wie ich dasass, ohne die Speise
Mit den Händen zu rühren, versunken in tiefe Schwermut;
Und sie nahte sich mir und sprach die geflügelten Worte:
Warum Sitzt Du wie ein Stummer am Tisch, Odysseus,
Und zerquälst die Herz, und rührest nicht Speis noch Trank an? […]“

Das Gemälde gehört zu den „wichtigsten Historiengemälden innerhalb Angelika Kauffmanns Spätwerk.“ (Baumgärtel 1993, S. 89). Ebenso wie ein auf Odysseus und Circe reduziertes Werk in amerikanischem Museumsbesitz, entspricht das vorliegende Historiengemälde dem sogenannten „style grecque“ in streng klassizistischer Stilisierung mit karger, monumentaler Architektur (vgl. Bettina Baumgärtel, Angelika Kauffmann 1741-1807. Eine Retrospektive, Ausst.-Kat., Kunstmuseum Düsseldorf/Haus der Kunst München/Bündner Kunstmuseum, Düsseldorf/München/Chur, November 1998 bis Juli 1999, Ostfildern 1998, S. 350, Nr. 192). Der kompositorische Aufbau, der - außer der Mundschenkin am rechten Bildrand - die gesamte Hauptszene, gesäumt von zwei schweren ionischen Säulen, in der Mittelebene verortet, setzt die damaligen Strömung des Klassizismus meisterlich um. Eine Vorzeichnung Kauffmanns, die das Kompositionsschema ebenfalls unterstreicht, befindet sich im Rijksmuseum in Amsterdam (Abb. 1; vgl. Baumgärtel/ Bubenik-Bauer/ Schalz-Laurenze 1993, S. 90).

Das vorliegende Gemälde stammt aus einer der bedeutendsten frühen Sammlungen von Werken der Künstlerin. Der Auftraggeber, Sir John Rushout, ab 1797 1st Baron Northwick, war mit Rebecca Lady Rushout, geborene Bowles, verheiratet, welche auch selbst, gemeinsam mit ihrer Tochter, von Angelika Kauffmann porträtiert wurde.
Eine eigenhändige Aufzeichnung Angelika Kauffmanns dokumentiert das vorliegende Gemälde bis zu seiner Entstehung: „Rome 1793 / For Mr Rushout, English nobleman a picture width 5 spans 9 ; height 5 spans 4, with figures of about 3 spans representing Ulysses in the Island of Circe in the moment when after having bathed himself and now wearing a dignified attire he is sitting at a table on which are prepared fruits of all kinds, he is being served by four of Circe's maidens. But he refuses to take any kind of food, so long as the said goddess does not restore to their human form, his companions which she, the said goddess had changed into beasts. 300 Zecchini.“ Die Komposition wurde von William Bond (1772-1827) im Jahre 1809 gestochen (siehe Manners/ Williamson 1924, S. 163). Eine weitere Notiz vom 15. April 1796 belegt auch, dass die Zahlung des Käufers bei der Künstlerin eingegangen ist (siehe Manners/ Williamson 1924, S. 168).
Sir John Rushout war der Schwager von George Bowles, einem der wichtigsten Mäzene Kauffmanns, der nach seinem Tod 1817 die gesamte Kunstsammlung an seine Schwester Rebecca Lady Rushout vererbte. Harriet, die Tochter von Sir John Rushout und Rebecca Lady Rushout, heiratete Sir Charles Cockerell, 2nd Bt., der 1859 nach dem Tode des 3rd Baron Northwick den Namen Rushout annahm. Erst nach dem Ableben von deren Sohn Charles Fitzgerald Cockerell, 3rd Bt, wurde die Sammlung 1879 in London versteigert. Vorliegendes Gemälde blieb somit gemeinsam mit dem Großteil von Bowles legendärer Sammlung bis Ende des 19. Jahrhunderts im Familienbesitz des ursprünglichen Auftraggebers.