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Auktion: Zeitgenössische Kunst

06. Oktober 2015, 14:00 Uhr

Objektübersicht
Objekt

0459

Anselm Kiefer*

(Donaueschingen 1945)

„Das himmlische Jerusalem, 2011 Öl, Emulsion, Acryl, Schellack, Kohle und Metall auf Leinwand 190 × 380 cm“
2011
Öl, Emulsion, Acryl, Schellack, Kohle und Metall auf Leinwand
190 × 380 cm

Provenienz

Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg (2011); seither Privatbesitz, Österreich

Ausstellung

Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg: Anselm Kiefer. Alkahest, 28. Juli-24. September 2011

Literatur

Anselm Kiefer. Alkahest, Galerie Thaddaeus Ropac, Paris, Salzburg, 2011, Abb. S. 83

Expertise: Expertise der Galerie Thaddaeus Ropac liegt bei

€ 350.000

„Kunst kann eine Erklärung der Welt liefern. Meine Bilder versuchen das.“(1) Mit diesen programmatischen Worten umschreibt der deutsche Künstler Anselm Kiefer sein künstlerisches Schaffen. Kiefer möchte sich in seinen Werken nicht weniger als mit dem großen Ganzen auseinandersetzen, mit der Geschichte und den Mythen der Menschen, mit unserer gesamten Existenz über alle rationale Erkenntnis hinaus. Ruhelos erschafft er großformatige Materialbilder, raumgreifende Installationen und Objekte – im Bestreben, die Welt, in der wir leben, zu begreifen, das Sein und die Geschichte zu verstehen und künstlerisch zu interpretieren. Alle erdenklichen Materialien dienen als Werkstoff: Sand, Erde und Lehm, Draht, Asche und Haare, aber auch Samen, Zweige und Textilien. Als Betrachter ist man von Kiefers Werk überwältigt und irritiert, man erschaudert ob seiner Monumentalität und Bedeutungsschwere, ist fasziniert von der ungemeinen materiellen Präsenz und poetischen Kraft.

Ein wuchtiges Gebirge ragt aus einer weißen Nebelbank empor, der pastöse Farbauftrag verleiht der Bergkette einen massiven, plastischen Charakter. Über den Gipfeln steht in Handschrift „das himmlische Jerusalem“ geschrieben. Am Fuße des Berges liegt eine malerisch nicht näher definierte, verwaschene Landschaft mit einer Gruppe naiv skizzierter Häuser. In großen Lettern steht das Wort „Gaza“, in der Bildmitte ist ein altes Maschinengewehr montiert. Die Waffe wirkt wie ein Fremdkörper und verleiht dem Bild eine aggressiv aufgeladene Stimmung. Die Arbeit ist in schmutzig weißen, grauen und schwarzen Tönen gemalt, am Horizont schimmert ein rostiges Ocker durch. Der Farbauftrag ist grob und dicht, feine Risse durchziehen die Leinwand. Auch sie lassen das Bild alt, wie aus einer anderen Zeit erscheinen.

Alkahest
Kiefers rätselhafte Naturdarstellung ist mächtig und erhaben, gleichzeitig aber überraschenden Störungen und irritierend fremden Elementen ausgesetzt. Der Künstler hat keine Scheu vor dem emotional, historisch und symbolisch stark besetzten Bergmotiv. Lange galt es als verpönt, konservativ, ja reaktionär, die Ikone von Erhabenheit, Nationalismus und Tourismusromantik auf Bildern zu verewigen. Doch in der Gegenwartsmalerei erlebt der Berg eine „Wiedergeburt“ und viele Künstlerinnen und Künstler berufen sich auf das bisweilen „tabuisierte“ Genre der Landschaftsmalerei.

Die Arbeit „Das himmlische Jerusalem“ ist Teil eines 2011 entstandenen Werkblocks mit dem Titel „Alkahest“, ein Zyklus bestehend aus monumentalen Leinwänden und Skulpturen sowie einer Serie von kleineren Bildcollagen. Das Gebirge ist darin ein Leitmotiv und durch die Verbindung von Wasser und Stein ein Ort der Verwandlung von Materie. Das Erodieren der Erdschichten steht sinnbildhaft für das Aufbrechen von alten, erstarrten Verhältnissen. Das Wort „Alkahest“ geht vermutlich auf Paracelsus zurück und bezeichnet ein hypothetisches Lösungsmittel, das jede Substanz, einschließlich Gold, aufzulösen vermag. Viele Alchemisten haben nach diesem Mittel gesucht. Heute wird Wasser gerne als eine Art „Universal-Lösung“ gesehen, da sich darin viele Stoffe lösen lassen. Das Wasser ist – neben dem Feuer – das wichtigste Element in Kiefers Werk, beide stehen für Verwandlung, Auflösung und Erneuerung. Anselm Kiefer: „Der Begriff Alkahest meint, dass es eine Lösung gibt, die jeden Stoff verdünnen kann. Das ist eine Idee der Alchemisten. Die Verdünnung ist für mich natürlich etwas sehr Wichtiges. Ich lege die Bilder oft auf den Boden und schütte Wasser über sie oder schütte Wasser darüber, in dem Farbe aufgelöst ist. Ich gebe die Bilder also einer Verdünnung preis. (…) Das Wasser hat mit der Erosion zu tun. Ganze Berge und Sedimente, die sich über Jahrmillionen angelagert haben, werden durch das Wasser zum Meer getragen. Das Wasser trägt zum Kreislauf bei. Das für immer scheinende Gestein wird aufgelöst, zu Sand und Schlamm zermalmt.“(2)

Das himmlische Jerusalem
Das Gebirge kann auch als Verbindung von Himmel und Erde, von Gott und Mensch interpretiert werden. Die Vorstellung des „Himmlischen Jerusalems“ beruht auf einer Vision aus der neutestamentarischen Offenbarung des Johannes. Nach der Apokalypse und dem letzten Gericht kommt es zum Endkampf zwischen Gott und dem Teufel. Gott geht als Sieger hervor und erneuert die Erde und den Himmel. Im Kapitel 21 steht zu lesen: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.“ Das himmlische Jerusalem wird dabei immer wieder mit dem Berg Zion in Verbindung gebracht, so heißt im Brief an die Hebräer, Kapitel 12: „Ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem (…).“

Zeit seines Lebens hat sich Kiefer mit Spiritualität, Religion und Mythos auseinander gesetzt. Jüdisch-christliche Motive, die christliche und jüdische Mystik aber auch Mythologien germanischen, griechischen und ägyptischen Ursprungs sind oft Anlass und Inspiration für seine Arbeiten. „Wir können nicht wissenschaftlich feststellen, woher wir kommen. Auch nicht in der Theologie, die vorgibt, eine Wissenschaft zu sein. Und deswegen gibt es Geschichten, die Mythologie, die auf eine nicht-wissenschaftliche Art etwas zu erklären versucht, und dabei weiß, dass es die letztgültige Erklärung, den Sinn, nicht gibt.“(3) Kiefer fühlt sich der Mythologie nahe, denn auch er ist in seinen monumentalen Arbeiten ständig auf der Suche nach dem Absoluten, möchte das menschliche Sein, die Welt, den Kosmos erfahrbar machen – im Bewusstsein, immer wieder daran scheitern zu müssen, da vieles nicht darstellbar oder begreifbar ist. Der Künstler fühlt sich keiner Religion zugehörig und seine Annäherung an religiösen Themen ist keineswegs unkritisch, doch gleichzeitig ist sie getragen von großem Respekt und anhaltender Faszination.

Samson
Vielleicht erst auf den zweiten Blick entdeckt der Betrachter das Wort „Samson“, das in weißen Großbuchstaben auf das Maschinengewehr gekritzelt ist. Damit nimmt Kiefer auf einen der bekanntesten Protagonisten der christlichen Mythologie Bezug. Samson gilt als der stärkste Mann im Alten Testament, und er ist vermutlich auch der gewalttätigste. Seine Geschichte spielt in der Zeit, als die Israeliten durch die Philister unterdrückt wurden. Samson oder Simson darf sich als Geweihter Gottes („Nasiräer“) nie das Haar und den Bart schneiden. Er ist mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, zerreißt mit bloßen Händen einen Löwen und hat schon manchen blutigen Konflikt mit den Philistern ausgefochten, als er sich, von Gaza kommend, im Tal Sorek in die Philisterin Delila verliebt. Die Philister drängen Delila, das Geheimnis von Samsons Kraft in Erfahrung zu bringen. Delila unternimmt mehrere Versuche, Samson die erwünschte Information zu entlocken. Dreimal täuscht er seine Geliebte mit falschen Angaben, erst beim vierten Mal offenbart er Delila sein Geheimnis: Die Kraft liegt in seinen Haaren. Delila verrät ihn, und während er schläft, werden ihm die Haare geschoren. Daraufhin ist es für die Philister ein Leichtes, Samson gefangen zu nehmen. Er wird geblendet und als Zwangsarbeiter zum Getreidemahlen nach Gaza gebracht. Doch sein Haar beginnt wieder zu wachsen. Als die Fürsten der Philister sich eines Tages in ihrer großen Halle versammeln, um ihrem Gott Dagon ein großes Opfer darzubringen und ein Freudenfest zu feiern, holen sie Samson aus dem Gefängnis, um sich an dem Gefangenen zu belustigen. Das Buch der Richter beschreibt im Kapitel 16 das schicksalhafte Ende des Samson: „Simson aber rief zum Herrn und sagte: Herr und Gott, denk doch an mich und gib mir nur noch dieses eine Mal die Kraft, mein Gott, damit ich an den Philistern Rache nehmen kann, wenigstens für eines von meinen beiden Augen. Dann packte Simson die beiden Mittelsäulen, von denen das Haus getragen wurde (...). Er streckte sich mit aller Kraft und das Haus stürzte über den Fürsten und über allen Leuten, die darin waren, zusammen. So war die Zahl derer, die er bei seinem Tod tötete, größer als die, die er während seines Lebens getötet hatte.“ In der Kunstgeschichte ist besonders die Geschichte von Samson und Delila ein äußerst beliebtes Motiv: Delilas Verrat, das Schneiden der Haare und die Blendung Samsons wurden in zahlreichen spannungsreichen Darstellungen umgesetzt. Kiefer hingegen, der sich in mehreren Werken mit Samson auseinander gesetzt, fokussiert den Blick eher auf den letzten Akt. Das alte Maschinengewehr ist ein Sinnbild für die ungeheure Kraft aber wohl auch für die Grausamkeit Samsons.

Für den israelischen Schriftsteller David Grossmann ist „Samson, der Held“, wie er jedem israelischen Schulkind geläufig ist, eine Schicksalsgestalt der aktuellen Situation Israels. „Heute, und gerade hier an diesem Ort, wird man den Gedanken nicht los, dass Samson in gewisser Weise der erste Selbstmordattentäter war. Und obwohl die Umstände seiner Tat andere waren als die der Attentate im heutigen Israel, ist es denkbar, dass sich jenes Prinzip – durch Selbstmord Rache und Mord an Unschuldigen zu verüben – im Bewusstsein der Menschen verankert hat, jenes Prinzip, das in den letzten Jahren so sehr perfektioniert worden ist.“ Der Mythos von Samson habe in der Geschichte Israels immer eine identitätsstiftende Funktion gehabt. Grossman erinnert an die legendäre Kampftruppe „Füchse Samsons“ im 1948er-Unabhängigkeitskrieg (eine Anspielung auf die Geschichte, in der Samson die Schweife einer Horde von Füchsen anzündete und die in Panik geratenen Tiere in die Felder der Philister trieb, um diese niederzubrennen), an die „Einheit Samson“ während der ersten Intifada, an das israelische Atombombenprojekt, das von den Militärs den Namen „Samsons Entscheidung“ erhielt, aber auch an die in Israel beliebte Fitnesscenter-Kette „Samson-Institut“.(4)

Somit verwebt Anselm Kiefer in der Arbeit „Das himmlische Jerusalem“ alt- und neutestamentarischen Themen, er verbindet die biblische Geschichte Samsons mit dem Nahostkonflikt der Gegenwart und reflektiert über die Möglichkeit einer neuen Welt, die aus Trümmern der alten entstehen kann. Für den Künstler spielt die Beschäftigung mit dem Erinnern, dem Gedächtnis und besonders mit der Vergangenheit und dem Vergessen eine eminent wichtige Rolle. Nur durch das Freilegen von Schichten und Spuren des Vergangenen sieht er einen Weg, um die Gegenwart zu begreifen und Zukunft zu gestalten. Wie diese Zukunft aussieht, zeigt der Künstler aber nicht.

„Jedes leere Theater ist ein Raum voller Bilder, verdichteter Worte. Die volle Leere gleicht der lauten Stille“, betont Kiefer.(5) So sind auch seine Bilder: laut und unglaublich dicht, aber auch zart und von einer tiefen Ruhe getragen. (Günter Oberhollenzer)

1 Anselm Kiefer, zit. Nach: „Keine Kühe und keine Wolken“, Anselm Kiefer im Gespräch mit Mathias Döpfner und Manfred Bissinger, in: Der Spiegel, 44/2011, S. 115.
2 Anselm Kiefer 2009, zit. Nach dem Pressetext zur Ausstellung „Anselm Kiefer. Alkahest“, Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg 2011.
3 Anselm Kiefer, zit. Nach: Kunst und Gnosis: Anselm Kiefer und Thomas H. Macho im Gespräch, in: Anselm Kiefer. Am Anfang, Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg 2003, S. 7-19, hier S. 9.
4 David Grossman, Löwenhonig. Der Mythos von Samson, Berlin 2006, S. 122.
5 Anselm Kiefer, zit. Nach: Dankesrede von Anselm Kiefer zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2008, in: Anselm Kiefer. Ausgewählte Werke aus der Sammlung Grote, Ausstellungskatalog Museum Frieder Burda, Baden-Baden, Wienand Verlag, Köln 2011, S. 134-143, hier S. 136.