Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

06. Oktober 2015, 14:00 Uhr

0415

Birgit Jürgenssen*

(Wien 1949 - 2003 Wien)

„Die Nacht irrt zwischen zwei Strömen einher“
1985
Mischtechnik auf Papier
132 × 154,5 cm
Bezeichnet, monogrammiert und signiert rechts unten: Die Nacht irrt zwischen zwei Strömen einher B. J. 85

Provenienz

Privatbesitz, Wien

€ 12.000

In der sandig, goldenen Bildfläche kann man zwei Personen erkennen, man spürt Bewegung und Ruhe, Emotion und Gelassenheit zugleich. Eine Zeichnung, deren Konturen in Aquarell-artig aufgelöstem Umfeld verschwimmen. Es entsteht eine deutliche Dreidimensionalität, die durch den Einsatz der blauen Farbflächen noch verstärkt wird. Die offensichtlich präzise gesetzten Begrenzungslinien des Körpers charakterisieren die Figuren und obwohl deren Gesichtszüge nicht klar definiert sind, kann man den Ausdruck der beiden Personen erahnen. Birgit Jürgenssen hat den Titel der Arbeit „Die Nacht irrt zwischen zwei Strömen einher“ handschriftlich an den unteren Rand des Papiers gesetzt und die Fantasie des Betrachters nicht zuletzt dadurch entzündet.
Die vorliegende Arbeit von Birgit Jürgenssen reiht sich in eine Serie von ähnlichen Bildern, die in den 80er-Jahren entstanden sind und ein komplexes Zusammenspiel von surrealer Malerei und abstrakten, in der Dunkelkammer manipulierten Fotografien zeigen. Zur Zeit der Entstehung der Arbeit war die Künstlerin als Lehrbeauftragte an der Akademie der bildenden Künste in Wien tätig und hat sich mit Fotografie, Skulptur und Zeichnung beschäftigt. Jürgenssen kann künstlerisch der feministischen Avantgarde zugeordnet werden und steht in der Nachfolge von Meret Oppenheim und Louise Bourgeois. Sie setzte sich stark mit der Rolle der Frau aus gesellschaftskritischer Sicht auseinander.
Die gebürtige Wienerin hat ihre Techniken über die Jahrzehnte weiterentwickelt: von den Anfängen, als das junge Mädchen Birgit nach Picassos Vorbild Zeichnungen in Schulhefte kritzelte, über die Fotografie mit deren Hilfe sie kleine, selbst gefertigte Gegenstände ablichtete, bis zur Begegnung mit dem Surrealismus in Frankreich und in der Folge mit der Psychoanalyse und der Sozialkritik, reicht ihr künstlerischer Hintergrund. Birgit Jürgenssen´s Lebenswerk ist sehr vielfältig und lässt ihr formalistisches Interesse an Materialien und Prozessen ebenso wie ein Verständnis für zeitgeistigen Diskurs erkennen. Zu ihren Lebzeiten wurden Birgit Jürgenssen nur bedingt in entsprechendem Ausmaß wahrgenommen. (Clarissa Mayer-Heinisch)