Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

12. Mai 2015, 17:30 Uhr

0062

Keith Haring*

(Kutztown 1958 - 1990 New York)

„o.T.“
1986
Acryl auf Pressspanplatte (V20)
ca. 125 × 60 cm
Rückseitig von fremder Hand beschriftet: For Erwin Palmstorfer Keith Vienna May 11th 86

Provenienz

Privatbesitz, Wien; Galerie Winter, Wien; seither Privatbesitz, Wien

Literatur

Wiener Festwochen (Hg.) Protect me from what I want. Schütz mich vor dem was ich will. Ausstellungskatalog, Wien 1986.

Etikett Galerie Winter an der Rückseite des Bildträgers.

€ 50.000 - 100.000

Keith Allen Haring, 1958 in Pennsylvania geboren, erhielt seine akademische Ausbildung in New York, bei der er sich schon sehr früh mit den Genres Comics und Zeichentrickfilm befasste. Ab 1980 zog es ihn hinaus auf die Straßen, hin zur Graffitikunst des Big Apples, deren Ausdrucksweise die Geburt seiner eigenen Bildsprache wurde. Er funktionierte New York zu seiner Leinwand um und bemalte mit seinen flinken Strichen Bildträger aller Art von (Haus-)Mauern über Plakatwände und U-Bahnstationen mit Pinsel, Filzstift oder Sprühdose. Vor allem durch seine Kreidezeichnugen auf Webetafeln der New Yorker U-Bahn erlangte er schnell das Interesse der Öffentlichkeit. Mitte der 1980er Jahre war er dadurch bereits zu einem Star der New Yorker Kunstszene avanciert und bekannt für seine unverwechselbare Bildsprache.
Mit Tabus und Regeln der Kunstwelt zu brechen und diese zu sprengen war sein Markenzeichen. In seiner Formensprache entwickelte er Stereotypen die einfache und unverwechselbare Signale aussenden und sich mit aktuellen Problemen der Weltpolitik auseinandersetzen. So sind beispielsweise der bellende Hund, als Symbol der Aggression, das strahlende Baby, das die Angst vor der Atomgefahr thematisiert oder das fliegende TV Gerät, welches die (zerstörerische) Macht der Medienindustrie symbolisieren, das Vokabular mit dem Haring zum Betrachter seiner Werke spricht. Sein Konzept durch Semiotik (die Theorie über den Transport von Ideen durch Zeichen) an den Betrachter heranzutreten findet sich in seinen Arbeiten der Malaktion am Hof in Wien ebenso wie in der hier angebotenen Arbeit wieder.
Unter dem Titel „Protect me from what I want – Beschütz mich vor dem was ich will“ 1986 gestaltete Keith Haring in einer Kooperation mit Jenny Holzer für die Wiener Festwochen eine Kunstaktion rund um die Mariensäule am Hof im ersten Wiener Gemeindebezirk. Die Aktion dauerte mehrere Tage, wobei die Ausstellung der bemalten Wände vom 10. Mai bis zum 15. Juni 1986 für die Öffentlichkeit zugänglich war.
Auszug aus dem Programmheft: „(…) Für beide Künstler, die aus der amerikanisch, großstädtischen Situation New Yorks ihre Inspiration, Motive und Arbeitsstrategien schöpfen, sollten Ihrer Arbeit entsprechende Bedingungen geschaffen werden. Jenny Holzer verändert ironisch die Polemik der heutigen Werbung und verschärft die Plattheit des allgemeinen Sprichwortguts um mit ihren als Phrasen formulierten Sätzen politische Botschaften zu transportieren. Ihre stärkste Wirkung erzielt sie damit im öffentlichen urbanen Kontext. Diesem sehr puristisch-theoretischen Ansatz entgegengesetzt, bedient sich Keith Haring bewusst einer sehr populären und trivialen Zeichensprache. Auf den Plakatwänden der New Yorker U-Bahn nahmen seine Männchen und Zeichen vor sechs Jahren Ihren Anfang. Heute sind sie selbst Bestandteil der modernen Konsumwelt mit einer ganz bestimmten ironischen Distanz zu ihr. Die Qualität und die entstehenden Spannungen des Wiener Projekts sind weitgehend Resultat dieser Kon- und Divergenzen der Arbeiten der Künstler zueinander. Beide Arbeiten initiieren spontanes Erkennen.“ (Hubert Klocker, Peter Pakesch Wien 1986 ).
Wie bereits erwähnt, entstand die hier präsentierte Arbeit während dieser Malaktion am Hof in Wien. Sie ist nicht Teil des oben vorgestellten Projektes, sondern ist als autonomes und unabhängiges Werk von Keith Haring zu verstehen. Die Arbeit wurde, wie aus der Signatur auf der Rückseite des Bildträgers ersichtlich ist, einem Kameramann, der seinerzeit dieser Malaktion am Hof über mehrere Tage hinweg filmisch dokumentierte, gewidmet. Mit seiner vielfältigen Farbkomposition und auch in der Technik (Acryl auf Pressspanplatte) unterscheidet sich das hier angebotene Werk deutlich von den in Rot-Schwarz-Weiß komponierten Arbeiten (Acryl auf Papier auf Stellwänden) der Malaktion. Das Motiv des „Männchens“ ist wohl das Sujet, welches par excellence für Keith Haring und seine Kunst steht. Hinsichtlich dieser Entstehungsgeschichte kann dieses Unikat als besondere Rarität unter den Werken von Keith Haring gelten! (CP)