Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

25. November 2014, 15:00 Uhr

Objektübersicht
Objekt

0001

Gustav Klimt

(Wien 1862 - 1918 Wien)

„Vorgebeugt sitzende Aktfigur“
1914
Bleistift auf Papier
57 × 37,5 cm
Bestätigung von Georg Klimt rückseitig: von meinem Bruder Gustav Klimt gezeichnet (aus der letzten Zeit) / Georg Klimt

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

Wir danken Frau Dr. Bisanz-Prakken für die freundliche Unterstützung.
Das Blatt wird in den Nachtrag des Werkverzeichnisses aufgenommen.

€ 14.000

Vor zwei Jahren kam es am Auktionsmarkt zu einer einmaligen Neuentdeckung: die autonome Zeichnung eines vorgebeugt sitzenden Aktes von Gustav Klimt, bereichert durch die kunstvoll mit der Signatur verbundene Jahreszahl 1914. Bis dahin war der Klimt-Forschung nach 1910 kein einziges datiertes Blatt bekannt - wobei zu erwähnen ist, dass der Künstler seine Arbeiten auf Papier nach 1900 überhaupt nur sporadisch datiert hat.
Nicht gering war daher die Überraschung, als sich herausstellte, dass die jetzt erstmals vorgeführte Studie eines vorgebeugt sitzenden Aktes mit der 1914 datierten Arbeit eng verknüpft ist. Beide Blätter zeigen ein- und dasselbe hagere Modell in weitgehend vergleichbarer Stellung; zweifellos entsprangen sie einem einzelnen Arbeitsvorgang, bei dem es weitere Zeichnungen gegeben haben könnte. Die vorliegende Studie der seitwärts blickenden, die Papierfläche weitgehend ausfülllenden Sitzgestalt wirkt spontan und skizzenhaft, während die endgültige, datierte Fassung - bei aller Expressivität - einen mehr gefestigten, kontrollierten Eindruck vermittelt und zudem eine detailliertere Behandlung der Körper- und Gesichtspartien aufweist. Hier richtet die Sitzende ihren Blick fest auf den Betrachter, von dem sie, etwas verkleinert wiedergegeben, räumlich weiter entfernt erscheint.
Trotz gewisser Flüchtigkeiten ist die jetzt gezeigte Studie von einer besonderen Intensität des Ausdrucks gekennzeichnet. Mit einer ganzen Skala an linearen Differenzierungen tastet Klimt sich an die ausgeprägte Körperlichkeit seines Modells heran, von den kräftig fließenden Linien der Textilien, den nervösen Umrissen der die Arme umklammernden Hände bis zu den markanten Konturen von Hals und Schultern; behutsam strichelnd erfasst er die weiche Brustform und die Rippenstruktur. Sein Hauptaugenmerk gilt der Diagonale des vorgebeugten hageren Rückens, die er durch heftig wiederholte Striche entlang der Kontur dramatisch hervorhebt.
Dass Klimt in seiner Vorliebe für hagere Modelle und angespannte Körperstellungen vom Expressionismus seines jüngeren Kollegen Egon Schiele berührt wurde, ist offensichtlich; man denke bei den hochgezogenen Schultern etwa an Schieles Gemälde "Die Hämische". Als sensibler Beobachter der Weiblichkeit in allen ihren Facetten erzielt der ältere Künstler jedoch immer den Ausgleich zwischen spannungsvollen Gegensätzen und das verträumte In-sich-Ruhen der Figuren - wie auch diese mit Sicherheit 1914 zu datierende Studie einprägsam vorführt. (Marian Bisanz-Prakken)