Auktionshaus

Auktion: Alte Meister

27. November 2014, 15:00 Uhr

0855

Jan Brueghel der Ältere

(Brüssel 1568 - 1625 Antwerpen)

„Blumenstrauß in Tonvase“
um 1608/9
Öl auf Holz
56 × 42 cm
Rückseitig handschriftliches Etikett (wohl 18. Jahrhundert): No 563 Jean Breughel dit de Velours / Grand Bouquet de differentes sortes de fleurs dans un vase de terre cuite. N(ombreux d'insectes) rampent sur les fleurs.

Provenienz

Provenienz (laut Angaben des derzeitigen Besitzers): seit den 1920er Jahren Privatbesitz Deutschland; durch Erbnachfolge an den derzeitigen Besitzer

Gutachten Dr. Klaus Ertz, Lingen, den 3. Februar 2012, liegt bei.
Fred Meijer, Rijksbureau voor kunsthistorische Documentatie (RKD), Den Haag, hat das Gemälde im Jahre 2005 ebenfalls im Original besichtigt und als Werk Jan Brueghels d. Ä. bestätigt.
Das Gemälde ist in der Datenbank des RKD unter Abbildungsnummer 68143 registriert.

€ 1.850.000

Dieses erst kürzlich in einer Privatsammlung wieder entdeckte prachtvolle Blumenstück ist nicht nur ein seltenes Zeugnis aus der Entstehungszeit dieser Gattung, sondern zudem noch eines von höchster künstlerischer Meisterschaft. Es stellt eine wichtige Ergänzung im Œuvre Jan Brueghels d. Ä. dar und ist zugleich ein außergewöhnliches Zeugnis für die frühesten Anfänge der Gattung, in welcher Blumen erstmals als bildwürdiges Gemäldemotiv erkannt wurden.

Heute allgemein als der „Blumenbrueghel“ bekannt, zählt Jan Brueghel d. Ä. zu den Gründungsvätern des autonomen Blumenbildes um 1600. Zuvor sind florale Darstellungen nur als Beiwerk in größeren Kompositionszusammenhängen, wie beispielsweise der klassische Lilienstrauß als Verkündigungsattribut Mariens, oder im Rahmen botanischer Studienwerke zu finden. Letztere vor allem ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstandene Stiche oder Aquarelle, wie von Joris Hoefnagel (1542–1601) oder Georg Flegel (1566–1638), gelten heute als potentielle Antriebskraft und Inspirationsquelle für die Entstehung des Blumenstilllebens.
Zeitgleich mit den flämischen Meistern Jacaob de Gheyn (um 1565–1629), Ambrosius Bosschaert (1573–1621) und Roleant Savery (1576–1639) schuf Jan Brueghel d. Ä. nicht nur die ersten in Öl ausgeführten Stücke dieses bis heute beliebten Bildsujets, sondern führte es in der Naturbeobachtung und deren künstlerischen Umsetzung auch zu unübertroffener Meisterschaft. Dies verhalf ihm zu seinem das Blumenbild per se verkörpernden Beinamen.
Durch einen eigenhändigen Brief an den damaligen Auftraggeber, Kardinal Borromeo in Mailand, geht die kunsthistorische Forschung davon aus, dass Jan Brueghel d. Ä. erst im Jahre 1606 sein erstes Blumenstück, den berühmten „Mailänder Blumenstrauß“ vollendete (Mailand Ambrosiana, Inv. Nr. 66, Kupfer 65 × 45 cm, Ertz/ Nitze-Ertz 2008–2010, Band III, Kat. 431). Kurze Zeit später, um 1607, entstand für den in Brüssel residierenden, habsburgischen Erzherzog Albrecht VII. der sogenannte „Wiener Irisstrauß“, welcher sich heute im Kunsthistorischen Museum, Wien, befindet (KHM Inv. Nr. 548, Holz 51 × 40 cm, opt. cit.,
Kat. 432). Diese beiden Werke sind durch eine überbordende Fülle von Blüten verteilt auf der Bildfläche charakterisiert, die den Anschein erwecken, dass die Vase sie in der Natur nie halten könnte. Hingegen zeigt vorliegendes Gemälde – wie auch weitere um 1608 zu datierende „Blumensträuße in unbemalten Tonvasen“, beispielsweise in Prag und Cambridge (opt. cit., Kat. 434 & 436) – eine fortschrittlichere Entwicklungsstufe. In ihnen wurden die Blüten, deren Stängel und das Blattwerk in ein realistisches Verhältnis zur Vase gesetzt. Somit bezieht die Komposition aktiv den sie umgebenden Raum mit ein, um die Blumenpracht noch besser zur Geltung bringen zu können.

Die international anerkannten Experten Fred Meijer und Klaus Ertz, welche das vorliegende Gemälde im Original begutachtet haben, ordnen das Werk in die Frühzeit der ersten Blumenbilder Jan Brueghels d. Ä. ein und datieren es um 1608/1609. Da Fred Meijer für die zum stilistischen Vergleich herangezogenen Blumensträußen in Prag und Cambridge einen Entstehungszeitpunkt um 1609 annimmt, datiert er auch vorliegendes Gemälde um dieses Jahr. Klaus Ertz stellt unser Gemälde entwicklungsgeschichtlich in große Nähe zum berühmten „Wiener Irisstrauß“, welchen er 1607 datiert. Da er auch für das Prager Bild eine kurz frühere Entstehung um 1607/8 annimmt, datiert er auch vorliegendes Gemälde um 1608.
Die dendrochronologische Analyse der aus einem Paneel geschaffenen Tafel unterstreicht die stilistische Datierung und bestätigt eine Entstehungszeit in der zweiten Hälfte im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts. Auch Fred Meijer betont die hohe Qualität des Malgrundes, der Holztafel selbst, was ihn annehmen lässt, dass das Gemälde schon bei seiner Entstehung als wichtiges Werk bestimmt war; möglicherweise war es ja auch von vornherein ebenfalls für einen finanzkräftigen oder besonders hohen Würdenträger bestimmt.

Wie sehr Jan Brueghel d. Ä. seinen weiteren, schon im 17. Jahrhundert erhaltenen Beinamen als „Sammetbrueghel“ durch seine einzigartige Malkunst nahezu „duftende“ Blumen zu malen verdient, unterstreicht Klaus Ertz in seinem Gutachten zu vorliegendem Gemälde: „Mit spitzem und äußerst feinem Pinsel hat der Künstler die Besonderheit jeder einzelnen Blütenform geschildert und jeder Nuance in der Oberflächenstruktur der Blüten nachgespürt, die wir in dieser Feinheit und Detailgenauigkeit nur bei Jan Brueghel d. Ä. finden – das ist einzigartig. Jede einzelne Blüte formt sich aus unzähligen kleinen Pinselstrichen zu einem äußerst dichten Gewebe von Farbe und Form. Die großen, markant im Strauß integrierten Blüten wie Tulpe, Rosen oder die Schwertlilien wirken wie von Licht umflossen. Jede einzelne Blüte ist dem Gesamteindruck eines bunten „Blütenteppichs“ harmonisch untergeordnet und wirkt trotzdem in ihrer eigenen „Persönlichkeit“ locker und duftig, macht sich im Bildraum bemerkbar und behauptet sich in ihrer eigenen Räumlichkeit.“ (vgl. Gutachten Dr. Klaus Ertz, Lingen, 3. Februar 2012).

Die Blumenstücke Jan Brueghels d. Ä. faszinieren damals wie heute auf mehreren Ebenen. Die Kompositionen erlauben dem Betrachter, gleichzeitig sowohl die Schönheit der Blumen wie in der Natur, als auch die Fähigkeit des Künstlers, welcher diese so gekonnt verewigte, zu bewundern. „Gerade die Blumenbilder feiern den Triumph der Malerei über die Vergänglichkeit der Natur. Erst in ihrer kunstvollen Inszenierung von Natürlichkeit bei gleichzeitigen Illusionsbrüchen können sie ihre virtuose Künstlichkeit zur Geltung bringen.“ (Barbara Welzel, Kunstvolle Inszenierung von Natürlichkeit. Anmerkungen zu den Blumenstilleben Jan Brueghels d. Ä., in: Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung, Laufhütte 2000, S. 556).
Im vorliegenden Gemälde weisen die links und rechts neben der Vase auf der Tischplatte liegenden – wie aus dem Strauß herausgefallenen – Blüten und Insekten auf die Sterblichkeit allen Seins hin, so dass dieses Bouquet auch im Sinne einer Vanitas-Allegorie aufzufassen ist. Im Gemälde selbst wird dadurch die hohe Kunst der Blumenmalerei hervorgehoben, welche die fragilen Naturschönheiten im Gegensatz zu ihrem sehr kurzen natürlichen Leben durch ihre meisterlich Darstellung dauerhaft erstrahlen lässt. Die floralen Meisterwerke Jan Brueghels d. Ä. verkörpern somit den im 16. und 17. Jahrhundert geprägten Geist der Kunst- und Wunderkammern, in welchen die schönsten und seltensten, natürlichen oder vom Menschen geschaffenen Objekte gesammelt wurden, um in deren Vielzahl und Vielfalt die Größe und Herrlichkeit Gottes zu demonstrieren.
Eben diesen Anspruch formuliert Jan Brueghel d. Ältere selbst in dem schon oben genannten Brief an seinen Auftraggeber Kardinal Borromeo vom 25. August 1606: „Über Herrn Ercole Bianchi schicke ich Euch das Bild mit den Blumen, die sämtlich nach der Natur gemacht sind. Auf diesem Bild habe ich gemacht, so viel ich zu machen vermochte. Ich glaube, nie zuvor sind, solch seltene und unterschiedliche Blumen gemalt und mit ähnlicher Sorgfalt ausgeführt worden. Im Winter wird es einen schönen Anblick geben: Einige Farben erreichen beinahe die der Natur. Unter den Blumen habe ich ein Schmuckstück, kunstvolle Münzen und Raritäten aus dem Meer gemalt. Ich überlasse es Euch, ob die Blumen nicht Gold und Schmuckstücke übertreffen…“ (zitiert nach Ertz/ Nitze-Ertz 2008–2010, Band III, S. 878).

Auch darüber wie genau Jan Brueghel d. Ä. nun vorging um seine wunderbaren Blumenstücke zu schaffen, gibt dieser Brief und weitere eigenhändige Schreiben wertvollen Aufschluss. So weiß man heute, dass der Künstler mehrfach von Antwerpen nach Brüssel reiste, um vor Ort im Hofgarten des Erzherzogs die Naturschönheiten zu studieren und zu malen, da besonders exotische und seltene Gewächse zu teuer und zu rar gewesen wären, um deren blühendes Leben für eine Reise ins Atelier zu beenden.
Jan Brueghel d. Ä. gibt selbst an, Blumenbilder nur zu bestimmten Jahreszeiten ausführen zu können, da er nur dann die entsprechenden Vorlagen ‚alla prima’ (nach der Natur) hätte malen können. Es erscheint jedoch unwahrscheinlich, dass der Künstler aufgrund seiner einzigartigen, aufwändigen Lasurtechnik in Öl nur direkt nach der Natur gemalt hatte. Neben dem Naturstudium dienten wohl auch weiterhin Florilegien, Werke anderer Künstler sowie eigene Skizzen und Gemälde als Detailvorlagen. Der Anspruch war jedoch, in allen Fällen das Naturvorbild auf künstlerische Weise bestmöglich zu inszenieren. Es wird heute vermutet, dass Jan Brueghel d. Ä. dem Blumen liebenden Erzherzog Albrecht VII. seinen zweiten Strauß, den „Wiener Irisstrauß“, aus Dank für die Erlaubnis widmete, in seinem Garten die natürlichen Vorbilder seiner meisterlichen Blumensträuße studieren zu können.

Betrachtet man den Aufwand, an neue möglichst prachtvolle Blumenmotive zu kommen, so verwundert es einerseits nicht, dass einzelne Blüten immer wieder in den verschiedensten Konstellationen in unterschiedlichen Werken des Künstlers vorkommen. Andererseits unterstreicht das mühevolle, durch die natürliche Lebensdauer der Blumen zeitlich begrenzte Arbeiten des Meisters auch damals wie heute die Kostbarkeit dieser wunderbaren floralen und malerischen Pretiosen.