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Auktion: Antiquitäten

25. Juni 2014, 16:00 Uhr

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Objekt

0601

Mumienporträt einer jungen Dame

Ägypten/er-Rubayat, 1. Hälfte 2. Jahrhundert n. Chr.
Eitempera auf dünnem Holz, auf späterer Holzplatte aufkaschiert; Brustbild einer jungen Frau mit Hochsteckfrisur, im Hintergrund sind die dünnen Haarnadeln zu erkennen; die Stirn reizvoll von zarten Locken umrahmt; sie ist mit zarten Ohrgehängen und einer Kette mit grünlichen Steinen geschmückt und trägt ein leichtes Kleid mit Spitzenkragen; der untere Bildrand ohne Malerei; die rechte untere Ecke fehlt, stellenweise Farbabhebungen, minimale alte Restaurierung
ca. 34 × 14 cm

Provenienz

Sammlung Theodor Graf; Kunsthandel Franz Kieslinger; dort zwischen 1925 und 1930 von Irene Heintschel-Heinegg erworben; in Erbfolge derzeit in Wiener Privatbesitz

Literatur

Paul Buberl, Die Griechisch-Ägyptischen Mumienbildnisse der Sammlung Th. Graf, Wien 1922, Nr. 11 (dort angeführt als: "Mädchen mit gewelltem Haar, gelbem Gewande mit schwarzen Schulterstreifen, Ohrringen, Halsschmuck. Gelber Hintergrund. Tempera"), S. 52; Klaus Parlasca, Ritratti di mummie, Palermo 1969 (in der Reihe: Achille Adriani (Hg.), Repertorio d' arte dell' Egitto greco-romano Serie B Vol. I), Kat.-Nr. 84, Taf. 20,3, S. 49

€ 170.000

Mumienportraits. Bilder aus dem Wüstensand

Wie kaum eine andere Kultur scheint die altägyptische ganz besonders der Suche nach dem ewigen Leben, nach Unsterblichkeit und Überwindung des Todes verpflichtet gewesen zu sein. Bedingt durch die besonderen klimatischen und geographischen Gegebenheiten sind uns aus dem Land der Pharaonen vor allem jene religiös bestimmten Kunst- und Kulturelemente überliefert, die von der tiefen Überzeugung der Ägypter künden, dass dieses endliche Leben in ein ewig währendes Jenseits überführt werden könne. Eingebettet in den Mythos vom Tod und der Auferstehung des Gottes Osiris, der als Herrscher der Unterwelt aber auch der jährlich sich erneuernden Natur und Fruchtbarkeit Ägyptens eine Zentralgestalt der ägyptischen Götterwelt darstellte, galt das "Werden zu Osiris" als das letzte Ziel nicht nur der Pharaonen sondern auch des einfachen Ägypters, um auf diese Weise am ewigen Leben des Gottes teilzuhaben.

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn vor allem auch der physischen Unzerstörbarkeit des Leichnams eine besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde, wollte man doch auch im Jenseits über dieselben körperlichen Fähigkeiten verfügen wie im Diesseits. Es besteht kein Zweifel, dass die sich über mehr als drei Jahrtausende erstreckende ägyptische Kultur seinen Totenkult als ein gelebtes und wohl auch weit verbreitetes Glaubensgut bewahrt hat. Und der Bericht Herodots aber auch die zahlreichen Schilderungen griechischer und römischer Schriftsteller späterer Zeit zeugen von der Kontinuität dieser Glaubensvorstellung, allen Einflüssen neuer religiöser Strömungen vor allem in der hellenistischen und römischen Zeit zum Trotz.

Gegen Ende des 1. Jahrtausend v. Chr. Kam es jedoch verstärkt zu regional unterschiedlichen Ausgestaltungen der Begräbniszeremonien und der Grabausstattung. Zu den häufigsten Beispielen der Begräbnissitte in der ptolemäischen, also der griechischen Zeit der letzten drei vorchristlichen Jahrhunderte zählen die aus Kartonage, gepresster Leinwand, aus Stuck oder auch aus Holz oder Ton gefertigten Mumienhüllen, die den ganzen Körper umgaben. Der Kopf der Mumie wurde dabei von einer separat übergestülpten rundplastischen Maske bedeckt, die bemalt und – als Zeichen der Wiedergeburt des Toten – oftmals auch vergoldet war. Die vielfach eindrucksvollen und detaillierten Gesichtszüge der stuckierten Mumienmasken erheben freilich keinen Anspruch auf eine individuelle, also porträthafte Wiedergabe des Toten sondern zeigen ihn in einer von Alterszügen freien, für das jenseitige Leben bestimmten idealisierten Weise.

Anders verhält es sich mit den auf Holz gemalten "Mumienporträts", die mit dem Beginn der römischen Herrschaft auftauchten und die wegen ihrer offensichtlich porträthaften und realistischen Darstellungsweise bis heute faszinieren. Die entweder in Enkaustik (Wachsmalerei) oder in Temperatechnik bemalten rechteckigen Holztafeln waren direkt über dem Gesicht der Mumie in die Mumienwicklung aufgebracht worden, wobei zur Anpassung an die äußere Form meistens die oberen Ecken abgerundet oder beschnitten wurden. Abgesehen von zwei Mumienporträts, die bereits im 17. Jahrhundert von dem italienischen Reisenden Pietro della Valle in Saqqara erworben worden waren und sich heute in Dresden befinden, traten diese Bildnisse erst Ende des 19. Jahrhunderts plötzlich in großer Anzahl auf dem Antikenmarkt auf. Es handelte sich dabei im Wesentlichen um jene durch Raubgrabungen zutage gekommenen Funde, die 1887 durch Theodor Graf nach Europa gebracht und in zahlreichen Ausstellungen in Amerika und Europa einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert wurden. Die Holztafeln waren zuerst in einer Nekropole im Fayum, einer etwa 70 Kilometer südlich von Kairo gelegenen Oase, von Fellachen ausgegraben worden – zahlreiche wurden im Übrigen während der kalten Wüstennächte verheizt – und fanden zunächst von Seiten der Archäologie nur wenig Aufmerksamkeit. Erst aufgrund weiterer Nachforschungen des erwähnten Wiener Kaufmanns Theodor Graf, der eine Handelsniederlassung in Kairo besaß und sich mit dem Handel von Papyri, koptischen Stoffen und anderen Antiken bereits einen Namen gemacht hatte, kam es zu zahlreichen Neufunden. Am Ende befanden sich in seiner Sammlung über 330 Mumienporträts, die hauptsächlich im antiken Gräberfeld von El-Rubayat, der alten Nekropole der griechisch-römischen Stadt Philadelphia gefunden wurden. Die von Graf veranstalteten Verkaufsausstellungen waren seit 1888 in Europa und Amerika zu sehen und führten zu einer Verteilung dieser Kunstwerke auf zahlreiche Museen und Privatsammlungen. Noch im selben Jahr wurde der damalige Bestand an Mumienporträts durch 81 Porträtmumien, die von Flinders Petrie im am Rand des Fayum gelegenen Hawara aufgefundenen wurden, entscheidend vermehrt. Die meisten davon befinden sich heute im Ägyptischen Museum in Kairo und waren 1999 in Wien in der Ausstellung "Bilder aus dem Wüstensand" im Kunsthistorischen Museum zu sehen gewesen. Aufgrund weiterer Funde im 19. und auch im 20. Jahrhundert sind heute über tausend Mumienporträts bekannt. Über wichtige Beispiele aus diesem in der ganzen Welt verstreuten Bestand verfügen in Österreich sowohl das Kunsthistorische Museum in Wien als auch die Österreichische Nationalbibliothek.

Pietro della Valle, dem wir die erste Nachricht über zwei Mumienporträts verdanken, schreibt 1615 voll Begeisterung, sie seien "der zierlichste Anblick der Welt". Und tatsächlich bezaubern, ja verzaubern die meisten der oftmals prächtigen und ausdrucksvollen Bildnisse. Die weit geöffneten Augen der dargestellten Männer und Frauen blicken aus einem detailliert ausgeformten Antlitz direkt auf uns, den Betrachter, als ob sie eine letzte Grußbotschaft vor dem endgültigen Abschied vermitteln wollten. Aber ist das ihre Funktion, sind es tatsächlich die letzten Bildnisse eines Menschen, eines Toten, die zur Überwindung seiner physischen Vergänglichkeit eine letzte Grußbotschaft und Erinnerung vermitteln wollten? Als ein kunsthistorischer Sonderfall, dessen lokale – nur wenige Beispiele sind außerhalb des Fayums gefunden wurden – und zeitliche Eingrenzung ihre Besonderheit noch unterstreicht, präsentieren diese Porträts eine Verschmelzung zweier künstlerischer Traditionen: der griechisch-römischen Porträtmalerei mit dem traditionellen ägyptischen Jenseitsglauben.

Es ist der allgemeine Konsens, dass es eine der römischen Porträtkunst vergleichbare individuelle Darstellung menschlicher Gesichter zumindest bei Darstellungen im funerären Bereich in Ägypten nicht gegeben hat. Zu sehr war im Kontext des Jenseitsglaubens und der angestrebten "Verewigung" der dargestellten Person eine porträthafte und damit einer Altersangabe verpflichtete Wiedergabe nicht erwünscht. In den Mumienporträts hingegen lassen sich individueller Ausdruck einer Person nicht verleugnen; sie bilden auch weitgehend das einzige Zeugnis für die antike Porträtmalerei, die gleichsam am Ursprung der ägyptischen Beispiele stand und über deren Qualität und weite Verbreitung wir fast ausschließlich aus schriftlichen Quellen unterrichtet sind.

Eine mehr oder weniger sichere Datierung der zu Beginn des 1. Jahrhunderts einsetzenden und wohl bis zum Ende des 3. Jahrhunderts nachweisbaren Verwendung der Mumienporträts ermöglichen Vergleiche der dargestellten Gewanddetails, Schmuckformen und vor allem Haarmoden mit den zeitgleichen römischen Kaiser- und Privatbildnissen, vor allem in der Skulptur oder auf den Münzen dieser Zeit. Die aktuellen Herrscherdarstellungen wurden immer rasch im gesamten Imperium verbreitet und dienten auch als Vorbild für den Privatmann, der sich modisch und bisweilen sogar auch stilistisch an die kaiserlichen Vorbilder anzugleichen versuchte. Nicht eindeutig zu entscheiden ist die Frage, inwieweit die Mumienporträts schon zu Lebzeiten oder erst nach dem Tode gemalt wurden. Mit wenigen Ausnahmen passt allerdings das erurierbare Sterbealter der mumifizierten Person mit dem offensichtlichen Alter des dargestellten Porträts zusammen. Berücksichtigt man die vermutliche niedrige durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung Ägyptens in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten so überrascht es nicht, dass vorwiegend jüngere Personen bzw. jung Verstorbene auf den Porträts zu sehen sind. Andererseits verhinderte die bereits oben angesprochene bewusste Idealisierung für das Jenseits porträthafte Bildnisse des Alters.

Den Mumienporträts können zusammenfassend also zwei grundsätzliche Funktionen zugewiesen werde. So ist es einerseits die in Anlehnung an die ägyptischen Mumifizierungspraktiken und den zugrunde gelegten Jenseitsglauben angestrebte Sicherung der Auferstehung des Toten, dessen Antlitz stellvertretend für den gesamten Körper das persönliche "Werden zu Osiris" ermöglichte, andererseits aber auch eine bewusst eingesetzte Erinnerungsfunktion, durch die die Toten dem Vergessen entrissen werden sollten, wenn vielleicht auch nur für einen begrenzten Zeitraum. (Wilfried Seipel, Auszug aus dem Beitrag "Mumienportraits. Bilder aus dem Wüstensand", Journal im Kinsky, Heft 1, Juni 2014)