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Auction: Contemporary Art

02. October 2012

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0158

Hermann Nitsch*

(Wien 1938)

„Kreuzwegstation I“
1989
Öl auf Rupfen
200 × 300 cm

€ 35.000

Hermann Nitsch*
(Wien 1938 geb.)
"Kreuzwegstation I", 1989
Öl auf Rupfen, mit Hemd
200 x 300 cm
Signiert und datiert rückseitig: hermann nitsch 1989

Provenienz: erworben vom Künstler; Galerie Lelong, Zürich; Privatbesitz Schweiz

Literatur: Katalog Ausstellung Nitsch, Farbige Bilder 1989, Galerie Lelong, Zürich, 1990, Abb. 1
Ausstellung: Galerie Lelong, Zürich, Feb.-März 1990

NORMALBESTEUERUNG

"kunst soll zu leben werden, ins leben übergehen. Leben soll so intensiviert werden, dass leben zu kunst wird, zu überhöhtem, ästhetisiertem leben." (Hermann Nitsch)

Hermann Nitsch bleibt bis heute seinem sehr persönlich geprägten Aktionismus des Orgien-Mysterien-Theaters verpflichtet. Basierend auf der Idee eines Gesamtkunstwerks, das die menschlichen Sinne allumfassend anspricht, konzipiert Nitsch seine Aktionen als orgiastische, bis zum Exzess gesteigerte Erlebnisse, die eine reinigende Wirkung (Katharsis) nach sich ziehen sollen. Diese Überzeugung, dass Kunst heilende, kathartische Wirkung haben kann, ist grundlegend für Nitschs künstlerischen Ansatz. Dabei spielt das dezidierte Bekenntnis zur Dimension des Religiösen eine wichtige Rolle: in seinem künstlerischen Themen- und Formenrepertoire bezieht sich Nitsch ganz offensichtlich auf Elemente der barock-katholischen Tradition. Ebenso zeigen sich aber auch Affinitäten zu antiken Mysterienkulten, orgiastischen Ritualen außereuropäischer Kulturen oder psychoanalytischen Denkmodellen.

Seine erste Aktion veranstaltete Nitsch noch abseits der Öffentlichkeit: in Otto Muehls Atelier ließ sich Nitsch 1962 mit Farbe beschütten und hing dabei wie ein Gekreuzigter an der Wand. Nitschs erste öffentliche Aktionen wurden zu veritablen Skandalen, man reagierte mit Anzeigen wegen Verletzung der Sittlichkeit, aber auch wegen Blasphemie und Tierquälerei. Die Verwendung von Tierkadavern, Blut beschmierten Damenbinden, beschmutzten Messgewändern oder nackten, mit tierischen Innereien behängten Akteuren schockierte das offensichtlich überforderte, österreichische Publikum, während Nitsch selbst immer wieder betonte, dass es ihm um eine Enttabuisierung und eine Entmythologisierung seiner symbolträchtigen Requisiten ginge.
Ende der sechziger Jahre ging Nitsch nach Deutschland, wohl auch, weil er sich dort größere Aufgeschlossenheit seiner Kunst gegenüber erwartete. Tatsächlich ließ die offizielle Anerkennung nicht lange auf sich warten: 1970 erhielt er eine Gastprofessur an der Frankfurter Städelschule und 1972 nahm er an der documenta in Kassel teil.
Mit dem Kauf von Schloss Prinzendorf in Niederösterreich 1971 begann die dramaturgische Konzeption des Orgien-Mysterien-Theaters immer konkretere Form anzunehmen: regelmäßig wurden Aktionen in Prinzendorf abgehalten, die 1998 im 6-Tage-Spiel einen vorläufigen Höhepunkt fanden.

War die Malerei zwar immer präsent in Nitschs Oeuvre – die Aktionsrelikte wurden vom Künstler stets bearbeitet – so kam es in den 1980er Jahren zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Medium: es entstanden autonome Bilder und regelmäßig fanden Malaktionen statt, die neben den eigentlichen Aktionen eine wichtige Stellung in Nitschs späterem Schaffen einnehmen.

In den Jahren 1989/90 entstanden eine Reihe von Schüttbildern zum Thema "Kreuzwegstation", in denen ein in die Komposition integriertes Malhemd besondere Bedeutung erfährt:
„…meine grosse verehrung für klimt und meine überzeugung, dass kunstausübung der tätigkeit eines priesters gleichzusetzen ist, bewogen mich bereits 1960 ein kuttenartig, einfach geschnittenes, weißes malhemd während meiner malaktionen anzuziehen, das tragen des hemdes wurde später noch vertieft, durch die auseinandersetzung mit den relikten des o.m.theaters. …oft noch spontaner als es auf der bildfläche gelingt, trägt sich die intensität auf dem hemd auf. Es wird automatisch befleckt, besudelt, beschmutzt, betappt, beschmiert, beschüttet, bespritzt mit blut (mit roter farbe) mit allen farben des regenbogens, des farbspektrums…“ (Hermann Nitsch, „Das Malhemd“)
(CMG)