Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

26. November 2013, 17:00 Uhr

0593

Alfred Kubin*

(1877, Leitmeritz - 1959, Zwickledt)

„Vampir“
1942
Feder, Tusche, Aquarell, Spritztechnik auf Katasterpapier
31,8 × 39,6 cm
Signiert und datiert rechts unten: Vampir 42
Betitelt rechts unten: Vampir

Provenienz

englischer Privatbesitz

Literatur

Vgl. Peter Assmann (Hg.), Alfred Kubin. 1877-1959, mit einem Werkverzeichnis des Bestandes im Oberösterreichischen Landesmuseum, Ausstellungskatalog, Linz 1995, vgl. Ha 3855, S. 351 (Bildvariante "Der Vampir" in Besitz des OÖ. Landesmuseums)

€ 13.000

Alfred Kubin gilt - auch international gesehen - als einer der bedeutendsten österreichischen Zeichner des 20. Jahrhunderts. Sein immenses Werk, das sich heute in wichtigen heimischen Museen und Privatsammlungen befindet, reiht sich ein in die Tradition der großen Grafiker Francisco de Goya oder Max Klinger und wurde auch beeinflusst durch Künstler wie James Ensor, Odilon Redon oder Edvard Munch.

Dem Spätwerk des Künstlers, das in der Literatur bisweilen vernachlässigt wurde, wird in letzter Zeit in Ausstellungen und Publikationen entsprechende Bedeutung zugemessen. Geprägt von einem immer stärker werdenden Gefühl der Vergänglichkeit und einer Todessehnsucht, beginnt Alfred Kubin die Themen der früheren Jahre neu aufzuarbeiten. Auch dem Lavieren und der Spritztechnik, die er in seinem Frühwerk für sich entdeckt hatte, wendet er sich wieder zu. Der Vampir, als Nachtwesen, gehört ebenfalls zum Bildvokabular der ersten Stunde. Bereits um 1900 taucht er in einer Tuschzeichnung auf, von einem Leintuch wie riesige Flügelschwingen umgeben, nähert er sich seinem schlafenden Opfer. Vampire auf Friedhöfen oder in Form einer Fledermaus sind im Lauf der Jahrzehnte ein immer wiederkehrendes Thema. Dieses untote Wesen, das uns bis in unsere Träume verfolgt, ist ein Sinnbild für die Angst vor dem Tode und vor dem rätselhaften Unbekannten. „Mich zwingt ein unwiderstehlicher Trieb, diese wie in einem Dämmerlicht der Seele auftauchenden Gebilde zu zeichnen“, schreibt der Künstler 1924 (Alfred Kubin, Rhythmus und Konstruktion, 1924, S. 60). Seine Motive entspringen einerseits dem Traum, andererseits den dicht an der Oberfläche des Bewusstseins lauernden Bildern und Visionen. Somit ist „ein grundsätzliches Charakteristikum von Kubins Kunst ihre extreme Subjektivität, ihre völlige Abhängigkeit von persönlichen Erfahrungen, die als Bilderstrom im Unterbewusstsein Kubins stets präsent waren.“ (Annegret Hoberg, in: Alfred Kubin 1877 – 1959, Ausstellungskatalog Oberösterreichisches Landesmuseum, Linz 1995, S. 15)

Ein weiblicher Vampir, dessen Unterarme und Hände als Flügel ausgebildet sind, hat sich auf einem schlafenden Mann niedergelassen. Seelig schlummert dieser auf seinen weichen Kissen und ahnt nicht welch gefährliches und zugleich verführerisches Wesen sich zu ihm gesellt hat. Der Vampir blickt aus dem Bild heraus und hat sich noch nicht seinem Opfer zugewandt. Durch die Kombination unterschiedlicher Techniken – Tusche, Aquarell und Spritztechnik – gelingt es Alfred Kubin perfekt, die Farben des Inkarnats der beiden Figuren einzufangen: die fahle, gelbliche Haut des Blutsaugers und den noch vom Leben pulsierenden, rosigen Teint des Mannes. Diese fast malerischen Bereiche kombiniert er mit der gestrichelten Tuschezeichnung im Bereich der Flügel und des Bettes sowie des Nachthemds des Schläfers. Die Zeichnung „sichert uns durch ihre elastische Schmiegsamkeit die unmittelbare Übertragung nicht nur der Vorstellung, sondern auch der sie begleitenden, unsagbar intimen Erregung“ (Alfred Kubin, Der Zeichner, 1922, S.57). „Vampir“ ist eine traumhafte Vision, wir wissen nicht, ob sich die Nachtgestalt tatsächlich am Bett niedergelassen hat oder ob uns Kubin am Traum des Schläfers teilhaben lässt. In jedem Fall aber zeigt uns der Künstler mit jeder Zeichnung einen „Siegelabdruck der Seele“ (Alfred Kubin, Der Zeichner, 1922, S. 55). (Sophie Cieslar)