Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

19. März 2013

0029

Günter Brus*

(Ardning 1938)

„9 Symphonien“
1980
Mischtechnik auf Papier
127 × 80 cm

€ 50.000

Günter Brus*
(Ardning/Stmk. 1938 geb.)

9 Symphonien, 1980
Mischtechnik auf Papier; 127 x 80 cm
Betitelt links unten: Die 9 Symphonien
Signiert und datiert rechts unten: Brus 1980
Provenienz: österreichischer Privatbesitz

„Gedanken brüten Wünsche aus." (Günter Brus)

Unübertreffbar ist Brus dort, wo er als Zeichner und Dichter auftritt. Denn stets werden die Zeichnungen von einem Aphorismus begleitet, der das Gezeichnete in einen poetischen Zusammenhang stellt. In der intermedialen Gattung Bild-Dichtung - sie ist ebenso Wort- wie Bildkunst - hat Brus die ihm am meisten entsprechende künstlerische Form nach Abbruch der Aktionskunst gefunden.
Mit seinen unverkennbaren Bildphantasien und den sie begleitenden scharfzüngigen Aphorismen hat sich Günter Brus als einer der interessantesten gegenwärtigen literarisch-bildnerischen Grenzüberschreiter etabliert - und das weit über die Grenzen Europas hinaus. Seine Text-Bild-Dialoge werden etwa in den USA von Künstlern wie Paul McCarthy oder Raymond Pettibon als europäische Comic-Art-Vorfahren verehrt. Das Werk des Zeichner-Dichters ist von einem enormen theoretisch-kulturellen Wissensfundus an Zitaten aus Kunst- und Kulturgeschichte durchsetzt. Nicht weniger faszinierend sind die intime, träumerische Erzählweise, der beißende Spott und das oft fast übermäßige Fabulieren.
Günter Brus, der bereits als Kind zeichnete und schrieb, bekennt sich zu einem Programm, das Gattungs- und Disziplingrenzen in Frage stellt. Bereits als Aktionist wandte er sich gegen anerkannte Systeme. Seine radikale Ablehnung jeder Art von Beschränkung künstlerischer Ausdrucksformen findet in einem multimedialen Werk seinen Niederschlag, das alle Sinne des Künstlers und des Rezipienten beansprucht. (…)
Günter Brus selbst meint zu seinem Werkkomplex der Bild-Dichtungen: "Ich nenne diese Arbeiten Bild-Dichtungen. Damit wird ausgedrückt, daß das Zeichnen und das Schreiben sich verschwistert haben und daß in zyklischer Form Texte entstehen, die zugleich illustriert werden und umgekehrt." Und andernorts sagt er, Bild-Dichtung sei für ihn "die ideale Form", da der "denkfreie Vorgang des Zeichnens ständig durchbrochen oder konterkariert" werde, "vom denkerischen Schreiben". Und da er beim Schreiben "immer etwas aussagen" wolle, sei dies eine "ausgleichende Anstrengung" - "Zeichnen und Dichtung eine wunderbare Ergänzung". (…)
Betrachtet man eine bimediale Arbeit, interessiert zunächst die Frage: Was war der Ausgangspunkt? Im Fall von Brus' Bild-Dichtungen ist die Antwort klar: Am Anfang waren Wort und Bild. Der dialogische Zusammenhang kennzeichnet auch den Entstehungsprozess von Bild-Dichtungen, der eine ständige Grenzüberschreitung impliziert. Die gleichwertige Bedeutung von Text und Bild zeigt sich insofern, als sich bei der Entstehung von Bild-Dichtungen kein starres Schema feststellen lässt. Bilder können einen literarischen Einfall evozieren, Texte können Brus zum Zeichnen bewegen.
(Johanna Schwanberg, Textauszüge)