Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

13. November 2012

0809

„Sommertag“
um 1970
Öl auf Leinwand
64,5 × 72,6 cm

€ 15.000 - 25.000

Leopold Birstinger*
(Wien 1903 - 1983 Wien)
Sommertag - Alberndorfer Mühle 1, um 1970
Öl auf Leinwand; 64,5 x 72,6 cm
Rückseitig am Keilrahmen vom Künstler bezeichnet: "Alberndorfer Mühle"

Provenienz: aus dem Nachlass des Künstlers; österreichischer Privatbesitz

Der 1903 in Wien geborene Leopold Birstinger führte ein sehr zurückgezogenes Leben und stand der Wiener Avantgardeszene distanziert gegenüber, auch wenn Otto Mauer zu seinen frühesten Freunden zählte.

Birstinger begann 1926 an der Akademie der Bildenden Künste bei Karl Sterrer zu studieren, wo er auf Rudolf Szyszkowitz, Karl Weiser und Max Weiler traf, die bald gemeinsam mit Birstinger zum engeren Zirkel der so genannten Neulandkünstler gehörten. Birstinger entwickelte früh einen ausgeprägten, persönlichen Stil und richtete den Fokus seines künstlerischen Interesses auf seine eigene Empfindungswelt, für die es galt bildnerische Äquivalente zu finden.

Nach Abschluss seines Studiums ging Birstinger 1934 für ein Jahr nach Italien. Prägend wurde für ihn jedoch nicht die italienische Kunst, sondern der Fauvismus, mit dem er sich während seines Italienaufenthalts erstmals eingehend auseinander setzte.

Die Affinität zu Henri Matisse und André Derain wird ab den 40er Jahren besonders deutlich: mehr und mehr avanciert die Farbe zum zentralen Element der Bildkonstruktion, von ihrer Bindung an das Naturvorbild erscheint sie zunehmend emanzipiert, Figur und Umraum sind mittels Farbresonanzen in Beziehung gesetzt.

Während der frühe Birstinger sich vor allem auf die Darstellung des Menschen konzentrierte, war es im späteren Schaffen das Landschaftsbild, das an Bedeutung gewann. Mit seiner Frau erwarb Birstinger in den dreißiger Jahren ein kleines Bauernhaus in Mauer, das sein Motivrepertoire nachhaltig prägen sollte. Das neue Domizil und dessen nähere Umgebung wurden für ihn zur unerschöpflichen Quelle der Inspiration – über Jahrzehnte hinweg treten sie in den unterschiedlichsten Bildvariationen in Erscheinung.

Persönliche Schicksalsschläge wie der frühe Tod seiner Frau (1943) führten Birstinger zu stilistischen Brüchen und neuen künstlerischen Ansätzen. Unbeeindruckt von den dominierenden Avantgarde-Strömungen – die abstrakte Kunst hat Birstinger immer abgelehnt – steigerte er die Intensität seines expressiven Kolorits ins Extreme, die plastische Wirkung des Dargestellten wurde reduziert, die Umrisslinie hervorgehoben, der Pinselduktus erscheint teils pointillistisch aufgelöst, teils arbeitete er mit einem großflächigen Farbauftrag, der an Lösungen Herbert Boeckls erinnert.

Nach Kriegsende versuchte Birstinger vergeblich, sich in der Kunstwelt Wiens zu etablieren. 1945 scheiterte seine Bewerbung um eine Professur an der Wiener Akademie. Seine erste Personale konnte er erst 1948, im Alter von 45 Jahren, in der Galerie Würthle präsentieren. Doch auch sie brachte für ihn nicht den erhofften Erfolg. Mit den Jahren hielt er sich schließlich ganz von der Öffentlichkeit fern, ohne jedoch an Schaffenskraft einzubüßen. Zwischen 1960 und 1983 entstanden mehr als die Hälfte aller Gemälde. Bilder des Spätwerks wie das hier präsentierte Gemälde "Sommertag - Alberndorfer Mühle 1" bezaubern durch ihre koloristische Pracht. Charakteristisch ist der teils pointillistische Farbauftrag und eine durch Blau-und Violett-Töne forcierte, melancholische Grundstimmung.
(CMG)