Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

02. Oktober 2012

0019

Joannis Avramidis*

(Batumi/Georgien 1922 - 2016 Wien)

„Halbtorso“
1962
Bronze
H. 63 cm

€ 40.000

Joannis Avramidis*
(Batumi/Georgien 1922 geb.)
Halbtorso, 1962
Bronze; H. 63 cm
Signiert und nummeriert: Avramidis 1/6

"Ich meine nicht, dass ich ein Asket bin, ich übe mich nur auschließlich im Studium der Natur und in der Herstellung eines menschlichen Werkes, meines Werkes."
(Joannis Avramidis)

"Für mich ist das Studium der Natur ein Kampf zwischen einem abbildhaften Vorgang - was man eigentlich Naturstudium nennt - und einem abstrahierenden Prozess: der ist für mich das schlechthin Schöpferische." (Joannis Avramidis)

Joannis Avramidis schätzt es nicht sehr, in den Vordergrund gerückt zu werden. Er ist auch der Überzeugung, dass nur das Werk sprechen, der Künstler aber schweigen möge. Dennoch ist seine persönliche Lebensgeschichte zu interessant und wechselhaft, um verschwiegen zu werden. Und nicht zuletzt könnte diese Lebensgeschichte, und vielleicht mehr noch seine Herkunft, ein Schlüssel zum Verständnis seines Werks sein.

Joannis Avramidis wurde 1922 in Batum am Schwarzen Meer geboren. Die griechischstämmige Familie wurde in der Sowjetunion verfolgt, der Vater starb 1937 in Haft. 1939 floh die Familie deshalb nach Athen, das sich freilich wieder nur als Durchgangsstation erwies: 1943 wurde Avramidis als Fremdarbeiter nach Wien verpflichtet.
Nach dem Krieg beschloss er, hier zu bleiben. Er studierte Malerei an der Akademie und Bildhauerei bei Fritz Wotruba. 1962 vertrat er Österreich bei der Biennale in Venedig, von 1968 bis 1992 war er als Professor an der Akademie tätig. 1973 erhielt er den Großen Österreichischen Staatspreis, 1985 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. Ausstellungen seiner Plastiken gab es praktisch in der ganzen Welt.

„Ich bin Hellene“, lautet ein Statement des Künstlers, das man durchaus als Standortbestimmung und künstlerisches Programm verstehen kann. Avramidis’ Hauptmotiv ist die menschliche Figur, meist die aufrecht stehende Figur in der archetypisch anmutenden Stelenform. Am bekanntesten sind die seit den sechziger Jahren entstandenen Figurengruppen, Menschengestalten, die sich zu einer runden, in sich geschlossenen Form drängen.
Diese Formationen beziehen sich auf freie Plätze, auf den alten, öffentlichen Platz der Polis, der in der griechischen Stadt des klassischen Altertums der Ort des öffentlichen Lebens war. Die Figuren wirken wie auf sich alleine gestellt, sie ruhen still in sich, sie beherrschen den Raum, aber ohne etwas zu erzählen, ohne etwas für sich gewinnen zu wollen. Selbst bei weitgehender Abstrahierung behalten sie immer den Bezug zur Gestalt und Haltung des Menschen.

Avramidis bedient sich einer ernsten, strengen Formensprache. Dem Künstler geht es um die Erschaffung einer objektiven, vollkommen erfassbaren Form, die Stileinflüsse tunlichst außen vor hält. Die einzigen Bezüge ergeben sich zur Antike, zur italienischen Frührenaissance.
Joannis Avramidis ist also ein Klassiker, der dennoch ganz in unserer Zeit steht. Unermüdlich gestaltet er sein Ideal, sein Modell des Vollkommenen, das Bild eines ernsten, strengen, verantwortungsbewussten Menschentums. (OHR)